Am anderen Ende des Regenbogens

7. Jänner 2008, 12:16
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Zwischen Meer und Bergen eingeklemmt, richtet Barcelona alle kreativen Energien nach innen - und krempelt sich dabei beständig um

"Ja, das ließe sich durchaus einrichten", sagt der Regenschirm und plustert sich im frischen Wind ein wenig auf. Die Brise kommt vom Hafen herauf, flatterhaft und ähnlich unerwartet wie die Begegnung mit dem lässig gegen die Hausecke gelehnten Fundstück. "Stimmt schon, was Sie denken, mein Herr", sagt er jetzt ganz kokett. "Ich wäre an diesem Abend frei und könnte ein Stückchen mit Ihnen im Sternenregen spazieren gehen. Gestern zog ich mit einem befreundeten Bügeleisen um die Häuser. Barri Gotic, Barceloneta, jetzt hänge ich auf den Ramblas herum. Wo sonst landet man im Morgengrauen und ohne Geld in dieser Stadt?"

Sprechende Regenschirme sind nicht das erste Indiz dafür, dass einem Barcelona gelegentlich sein Geheimnis offenbart: Es verändert den Blick auf die Dinge der Welt. Salvador Dalí zählte zu den prominenteren Opfern, auch Antoni Tapies' ausgeweidete Matratzen wirken, vor Ort, im MACBA-Museum, betrachtet, eher wie Leute von nebenan. Später schlugen Barcelonas Designer in dieselbe Kerbe und wurden mit geflügelten Surrealisten-Sesseln zu Stars. Am Absinth, der im Barri-Xines-Viertel in giftgrünen, kleinen Tümpeln an den Theken verrauchter Bars hin-und herschwappt, liegt es jedenfalls nicht.

Augen und Mäuler

Es liegt an Barcelona selbst, an seinen Häusern, die statt Fenstern und Türen Augen und Mäuler haben, an der Jugendlichkeit der alten Straßen und an prächtigen Gossen wie den Ramblas. Ein Zaubergarten der Fantasie ist die Meile unter den Platanen geblieben, gut gedüngt mit dem saftigen Humus der Hafenstadt.

Unrasierte Gesichter und dicke Schminke, zinnoberrote Würste und blasslila Blumen aus Übersee halten sich in den Cafés und erst recht an der Boqueria, dem "Bauch Barcelonas", die Waage. Wer hier, mitten im Marktgetriebe, an der Pinoxio-Bar Austern und Champagner schlürft und die Hausfrauen seelenruhig vorüberhasten lässt, der säuft auch mit den Augen.

Eiweißweißer Stockfisch im Zwielicht, leuchtende Erdbeer-Gebirge, das Schillern der Schuppen im ewigen Fischhändler-Eis breiten sich dann aus - ein wahrer Kontinent kulinarischer Landschaften, der sich unter dem Firmament einer neunzig Jahre alten Eisenkonstruktion erstreckt. Pittoresk war das Potpourri aus Champagner und Gosse freilich schon zu jenen Zeiten, als die Ramblas noch Treffpunkt der Jahrhundertwende-Literaten und ihrer Musen waren. Und heftig pulsiert die Lebensader der Stadt auch jetzt.

Mekka der Gaukler

Wo sonst trifft man binnen weniger Meter auf einen goldfarben gleißenden Sheriff, der für eine Hand voll Cents blitzschnell die Knarre zieht? Wo auf giftgrüne Zwerge mit blaugrünen Basiliskenzungen? Konkurrenz bekommen all diese Schausteller, die Barcelona zum Mekka der Gaukler machen, von jenen bodenständigen Typen, die sich für ihren Auftritt nicht eigens zu schminken brauchen.

Die flinkfingrigen Trickspieler mit ihren rasenden Streichholzschachteln zählen dazu. Und nicht zu vergessen: Gitanas, die genau so aussehen, wie man sich die Mutter aller Esmeraldas schon immer vorgestellt hatte: großer Goldohrring, rassiger Damenbart, stechendes Augenpaar.

Kein Wunder, dass auch berühmte Künstler in Barcelona Station machten, um sich vom Bodensatz der Stadt inspirieren zu lassen - Picasso etwa, der zwischen 1895 und 1904 hier in die Malerlehre ging. Nach zehn Jahren des verwilderten Bohemien-Daseins hatte er alles gelernt, was ihn diese Stadt lehren konnte: Schau dich stets um und rechne mit allem und dem Gegenteil davon! Was für die Gaukler der Ramblas ein alter Hut war, wurde für Picasso die Basis des künstlerischen Durchbruchs: Er malte nach Barcelona Augen an alle Stellen des Kopfes, hinten, vorn, oben, unten, und sicherheitshalber auch noch jede Menge offene Ohren dazu.

Kreativste Stadt Spaniens

Dieses Rüstzeug ist auch heute nicht zu verachten, man kann es in jedem überraschenden Barcelona-Moment bestens gebrauchen. Schließlich gilt Barcelona als kreativste Stadt Spaniens, wenn nicht der gesamten Mittelmeerküste. Zwischen Meer und Bergen eingezwängt, richtet sie ihre kreativen Energien nach innen, krempelt sich dabei beständig und ohne größere Sentimentalitäten um.

Nehmen wir zum Beispiel Barceloneta, das soeben ins Visier der Immobilien-Trickser geratene alte Hafenviertel: Noch hängt ein Hauch der Fischerdorfatmosphäre über den Straßen, doch die Tage, an denen die Bewohner Barcelonetas im Pyjama zum Bäcker schlüpften, sind gezählt - typisches Schicksal in einer Stadt, in der die Designerbars auch anno 2006 wie neongrün illuminierte Pilze aus dem Beton schießen. Andere Stadtteile haben die Metamorphose schon hinter sich: Unübersehbar leuchtet Gehrys kupferfarben glänzender Restaurant-Fisch am Port Olympic in der Sonne, gestrandet auf einer acht Kilometer lang aufgeschütteten City-Beach.

Ideenfundus

Trendig, aber um sieben Jahrhunderte älter ist auch das Ribera-Viertel, dessen Drive sich aus dem Ideenfundus jener Kreativen speist, die hier ihre "tallers" - also Werkstätten - eingerichtet haben. Enge Gassen, flatternde Wäscheleinen, der düstere Schatten der gotischen Santa Maria del Mar geben den Rahmen des boomenden Viertels ab. Fast meint man hier einen Mikrokosmos von Barcelona vorzufinden, komplett mit Tapas-Virtuosen, die Peperoni und Garnelen im Stile von Dalí-Schnurrbärten arrangieren.

Und nicht zu vergessen: mit der üblichen neu entstandenen Barzeile, die rund um Riberas lauschigen Passeig del Born nahtlos an den Hype anschließt. In futuristischer Neonröte schminken sich Szene-Bars wie das "Ribborn" hier für die Nacht, während man für den kleinen Partyhunger auf Kokateig-Pizettas beißen kann. Die Lebenslustexplosion nach dem Ende der Franco-Diktatur ist im Born auch heute spürbar. Doch das Underdog-Image von einst, das Movida-Helden wie Javier Mariscal auszeichnete, ist mittlerweile gewichen. Die Comic-Zeichnung an den Wänden sind stylisher geworden, die Feten um eine Nummer cooler.

So wie der Maler Jordi Labanda die Schickeria an die Wände des "Sandwich & Friends" gepinselt hat, sehen die idealen Gäste auch aus: Sektflöten als logische Verlängerung der gespreizten Finger, kurze Cocktailkleider, fließende Frisuren. Einer der Stammgäste dieses Lokals: Josef Font, Barcelonas Modezar und König der körpernahen Schnitte. Dass der Mann nebenbei auch Outfits für Barbie entwarf, glaubt man in den schicksten Lokalen des Born Districts auf Anhieb, in denen mitunter auch minimalistischer Sichtbeton, Sushi-Styling und die kreativsten Tapas der Stadt bestens zusammengehen. Spargel in aufgeschlagenem Grapefruit-Püree serviert Kataloniens Wunderkoch Xavier Abellan etwa im knallrot möblierten Gourmettempel "Comerc 24" - während nebenan Inka-Gott Xocolatl gefeiert wird: denn auch das altehrwürdige Schokolademuseum ist Teil von Riberas schillernder Glasur. (Der Standard/rondo/5/5/2006)

Von Robert Haidinger

Service

Anreise: z. B. mit der Iberia

Unterkunft: Arts Barcelona, Carrer de la Marina 19-21, Tel.: 0034 / 93 / 221 10 00, Fax: 93 / 221 10 70;

Ausgehen: "Ribborn", Antic de Sant
Joan 3; "Sandwich & Friends", Passeig del Born 27; "Comerce 24", Carrer del Commerce 24, Tel.: 0034 / 93 / 319 21 02

Allgemeine Infos: Spanisches Fremdenverkehrsamt, Walfischg. 8/12, 1010 Wien, Tel.: 01 / 512 95 80, Fax: 01 / 512 95 81, Spain Info
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