Onkel Sepp ins Ziel tragen

11. Mai 2006, 17:25
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Wenn zehntausende Menschen jedes Jahr dasselbe tun, erlebt dabei längst nicht jeder das Gleiche. Egal, ob auf oder neben der Strecke. Vier Annäherungen an 42.195 Meter

Der Ohrenzeuge
Zuerst kommen die Hubschrauber. Jedes Jahr. Marathon beginnt mit dem Lärm von Hubschraubern - und auch sonst, erklärt Arnold Bergmann, sei der Marathon vor allem ein akustisches Phänomen. Weil die Stadt ganz anders klingt. Wenn man so wie der Philosophiestudent in einer WG an der Strecke wohnt. Straßenseitig.

Sicherlich: Vor den Hubschraubern kommt die Stille. Aber die verschläft der 24-Jährige. Jedes Jahr. Seine Marathon-Wahrnehmung setzt alle Jahre wieder mit einem Schock ein: Der erste Kamerahubschrauber scheint da Sonntagvormittag plötzlich über seinem Bett zu zu stehen. Danach, sagt Bergmann, kommt Stille. Idylle. Sonntagmorgensonnenschein durch das offene Fenster. Vogelzwitschern. Kinderlachen. Völlig untypische Geräusche für eine Wiener Hauptverkehrsroute.

Etwa 20 Minuten nach dem Hubschrauber beginnt das Trapp-Trapp-Trapp: Das unendlich oft wiederholte, von den Hauswänden multipliziert nach oben in sein Fenster geworfene Geräusch eines Vieltausendfüßers auf seinem langen Weg über den Asphalt. Leise, aber durchdringend. Wie ein kollektiver Pulsschlag. Der Strom der Läufer. Stundenlang: Marathon, sagt der Student, ist Geräuschmeditation - jedes Jahr wieder. Arnold Bergmann käme nie auf die Idee mit zu laufen - weil er das Trapp-Trapp-Trapp dann nicht mehr unter seinem Fenster hören könnte.

Das doppelte Bild
Marathon, widerspricht Sibylle Kunze, ist etwas zum Zuschauen. Und lehrreich. Weil sie, die allein erziehende Mutter eines fünfjährigen Buben da jedes Jahr vorgeführt bekommt, dass Wahrnehmung - und damit auch die Wahrheit - immer vom Standpunkt abhängt. Wie Arnold Bergmann wohnt Kunze direkt an der Stadtmarathonstrecke. Das Geräusch der Hubschrauber, sagt die Übersetzerin, sei jedes Jahr ihr Einschaltimpuls: Manchmal erhascht sie dann im Fernsehen noch einen Blick auf ihr eigenes Haus. Immer aber sieht sie dann eine Gruppe von (zumeist) Afrikanern, die gerade daran vorbeiläuft. Die Kamera folgt und bleibt bei ihnen: Wenn dann aber das große Trapp-Trapp-Trapp zu Kunze kommt, sind die Afrikaner längst ganz woanders. Und mit ihnen das offizielle Auge: Auch (sporadische) Bilder der von Sportreportern fast mitleidig "Hobbyläufer" genannten Masse ändern nichts daran: Die Übersetzerin hat jedes Jahr wieder den Eindruck, gleichzeitig zwei völlig verschiedene Veranstaltungen zu sehen. Der Marathon unter ihrem Fenster, findet Sibylle Kunze, ist spannender. Jedes Jahr.

Die familiäre Logistikerin
"Marathon ist der Höhepunkt familiärer Logistik", sagt Sabine Stadlbauer. Alle Jahre wieder. Schließlich gilt es, "den Onkel Sepp" über die Ziellinie zu bringen. Das muss gut geplant, intensiv vorbereitet und ausgeklügelt ausgekundschaftet sein. Onkel Sepp läuft den Wien Marathon heuer zum fünften Mal. Schon davor wusste er, sagt die Redakteurin des Wiener Stadtfernsehsenders "Puls TV", dass öffentlich-offizielle Verpflegungsstellen die Hölle sind: Gedränge heißt Verletzungsgefahr. Wenn dem Onkel Sepp, einem Polizisten, bei Kilometer 25 versehentlich einer aufs Wadel steigt, sagt Stadlbauer, dann ist das Rennen vorbei. Für ihn und für uns alle.

Darum hilft die Familie. Physisch wie mental. Drei Betreuer für einen Läufer wären ideal, sagt Stadlbauer, man müsse aber ganz genau wissen, wann man wo stehen muss, um dem Onkel Sepp Getränke, Bananen oder Applaus zu reichen. Das sei, erzählt sie, jedes Jahre eine spannende, hektische Schnitzeljagd durch die Stadt. Mit Routen- und Stadtplan, Stoppuhr und U-Bahn. Ein Rennen um die guten Plätze mit Sicht und Aussicht: Wenn man 20 Minuten in den Pulk starrt, sagt die Nichte des laufenden Cops, erkennt man nix mehr. Niemanden. Auch nicht den eigenen Onkel.

Marathonbegleiter zu sein, erzählt Stadlbauer, ist ein gutes Training. Man lernt, sich durchzusetzen. Gegen die anderen Betreuer. Gegen die Streckenposten. Und gegen die Zuschauer. Weil die kein Verständnis dafür haben, dass das, was man hier tut, wichtig ist. Für den Marathon - nicht nur für den Onkel Sepp.

Laufen, sagt Stadlbauer, muss man auch können. Um den Onkel Sepp auf den letzten Kilometern zu begleiten. Anfeuernd. Aufmunternd. Nicht nur den eigenen Onkel Sepp, sondern alle Onkel Sepps (und Tante Gretes), die lange nach den Leistungssportlern auf die Ringstraße kommen. Das, sagt die Journalistin, sei Marathon. Ein schönes, fast kitschig-herzerwärmendes Gefühl. Jedes Jahr wieder.

Der Marathonmann
Bis zum 25. Citymarathon wird Herr Kallyani dabei sein. Das hat er sich geschworen. Rainer Kalliany ist nämlich einer jener 16 Läufer, die bisher jeden der 22 Wien-Marathons ganz und bis zu Ende gelaufen sind. Aber mittlerweile tut das ein bisserl weh. Physisch und psychisch. Weil Herr Kallyani früher ganz andere Zeiten gelaufen ist: Weniger als drei Stunden hat der Vermessungstechniker in seiner besten Zeit gebraucht. Aber heuer, beim 23. Vienna City Marathon, wird er glücklich sein, unter vier Stunden zu bleiben: Knieprobleme, Trainingsrückstand, ein bisserl Übergewicht. Keiner, seufzt der 1958 geborene Techniker, wird jünger.

Früher hat er nach seinem Zieleinlauf die Dreieinhalbstunden-Läufer angefeuert. Später die Vierstundenläufer. Jetzt gehöre er da selbst dazu. Das sei hart.

Denn, philosophiert Rainer Kalliany, das Laufen wird nicht leichter, wenn man langsamer ist und länger braucht. Im Gegenteil: Wer schneller läuft, ist schließlich früher fertig - und wer langsamer läuft, strengt sich viel länger an. Schon deshalb, betont der Grazer, sei es für ihn Ehrensache, auch dem letzten, langsamsten Läufer mit derselben Hochachtung zu begegnen wie den amtlichen Siegern. Das, sagt der Läufer, wisse er mittlerweile ganz bestimmt. Aber er habe es schon damals gespürt. Damals, als er vor 23 Jahren das erste Mal in Wien über die Ziellinie gelaufen ist.
(Der Standard/rondo/05/05/2006)

Aufgezeichnet von Thomas Rottenberg
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    foto: der standard/christian fischer
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