Auferstehende Couchpotatoes

9. August 2006, 13:17
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Fitte Menschen zu bewegen, ist keine Kunst. Aber Nur-Sitzer wieder in Gang zu bringen, ist schon ein bisserl schwieriger

In hartnäckigen Fällen angewandter Realitätsverweigerung kann Roman Daucher auch ziemlich direkt werden: Ob sein Schützling ein paar Minuten Zeit habe, fragt Daucher dann - weil er, der Trainer, jetzt rasch aus dem Auto holen müsse, was er vergessen habe: den Fitness- und Figur-Zauberstab nämlich. "Dann", sagt Daucher, "kapieren es eigentlich alle." Aber, beeilt sich der Personaltrainer, Lehrbeauftragte an der Donauuniversität Krems, Frühstücksfernseh-Vorturner und Gründer der Fitness-Beratungsplattform "Eurofitnessacademy" zu betonen, "Bodystyling-Wunder erwarten sich nur die wenigsten: Viele unsportliche Menschen haben ein so reduziertes Körper- und Selbstbewusstsein, dass man ihnen erst sagen muss, was alles möglich wäre - auch wenn der Weg dorthin lang ist." Aber der Frühling, weiß der 34-Jährige, ist eben die Zeit, in der Couchpotatoes plötzlich entdecken, dass am Zapp-Daumen ein ganzer, meist schlaff, fett und unbeweglich gewordener Körper hängt. Wenn man diese Personengruppe als Trainer "nicht optimal auffängt, werde sie gerade einmal Fitness-Kurzshopper" und lande umso rascher wieder auf der TV-Couch.

Die kritische Distanz, über die es Menschen, die sich lange nicht körperlich betätigt haben, zu bringen gilt, liegt bei zwölf Wochen. Das, so Daucher, weiß man heute in der Trimm-Branche: Wiedereinstieger, die diese Strecke schaffen, bleiben dem Sport (und seinen Instituten) meist erhalten. Deshalb stecken die meisten Fitnessstudios Neueinsteiger mittlerweile in "Basic"-Programme: Realistische Zielvorgaben und Belohnungs-Goodies - na, wann wohl? - dienen als Motivationshilfen.

Es geht mehr um Gesundheit als um Optik

Und das ganz ohne hohle und leere Superkörper-Schwurbeleien, betont Wellness-Apostel Daucher. Denn längst gehe es den meisten "Newbies" weniger um Optik als um Gesundheit: "Immer öfter kommen Menschen, weil ihnen ihr Arzt Bewegung verschreibt. Die Probleme sind immer gleich: zu wenig Bewegung, zu viel und falsches Essen - und Rückenprobleme." Etwa 80 Prozent seiner Neukunden, weiß Daucher aus den vergangenen Jahren (u. a. bei den Ketten "Holmes Place" und "Elixia"), klagten über Rückenschmerzen - und waren "anfangs reichlich frustriert." Aber, so Dauchers Fazit: "Es gibt keine hoffnungslosen Fälle. Das muss man vielen sagen - und auch, dass kein Mensch behauptet, dass Sport nur in einem Fitnesscenter möglich ist, nur erleichtert es diese Struktur vielen Leuten, sich selbst zu überwinden."

Schleichend beginnende Krankheiten

Ins gleiche Horn stößt auch der Sportmediziner Paul Haber: Was zähle, so der Leiter der Abteilung für Sport- und Leistungsmedizin am Wiener AKH, sei zunächst der Wille - aber dann kommt die Sicherheit: Bei langjährig inaktiven Personen ist es "unerlässlich, einen leistungsdiagnostischen Test beim Sportmediziner zu machen", predigt der Arzt: "Schon bei sich gesund fühlenden Mittdreißigern ist das Gefühl keine Garantie mehr, tatsächlich gesund zu sein." Und schleichend beginnende Krankheiten - Diabetes, Bluthochdruck oder Krankheiten des Herzkreislaufsystems etwa - könnten "durch ungewohnte Belastungen schlagartig akut werden." Darüber hinaus, so der Sportmediziner, "ist gerade nach langer Inaktivität die Feststellung des Zustandes Grundlage jeder Trainingsempfehlung."

Patentrezepte gibt es keine

Erst danach, so Haber, beginnt das Trainieren. Richtiges Trainieren. "Vom Gesundheitsstandpunkt aus sind zyklische, den Bewegungsapparat aktivierende Sportarten am ehesten zu empfehlen: Laufen, Schwimmen, Walken oder Radfahren etwa." Bloß: Patentrezepte gibt es keine. Obwohl Haber dann doch drei Universalempfehlungen parat hat: "Erstens", so der Arzt, gilt "regelmäßig - und das ein Leben lang." Zweitens zähle der Pulsbereich ("Pulstabellen in den Gebrauchsanweisungen der Pulsmessgeräte zeigen Durchschnittswerte, die bei zwei Drittel der Menschen nicht passen - ignorieren Sie diese Tabellen bitte."). Regel Nummer drei: "Langsam steigern."

Und dann, so der Sportarzt, gäbe es noch ein wichtiges "Don't": "Finger weg von Trainingsvorschlägen, die Sportprofis in Büchern verraten. Auch wenn sich das motivierend liest - das ist unter Garantie das Falsche für Wiedereinsteiger."
(Thomas Rottenberg/Der Standard/rondo/05/05/2006)

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