Schöne Wissenschaft

9. August 2006, 13:17
posten

Was unterscheidet Kosmetik aus der Apotheke von jener aus der Drogerie? Carolin Giermindl hat recherchiert

Blass, blaue Augen, aber makelloser Teint. Aus den Auslagen beinahe sämtlicher Apotheken blickt Monat für Monat ein anderer hellhäutiger Frauentyp und suggeriert: Bei empfindlicher und problematischer Haut wenden Sie sich am besten an Ihre Apotheke. Uwe Schehl, Chef von Österreichs größter Apotheke "Zur Kaiserkrone" in Wien, liefert die Erklärung: "Wir dürfen keine Werbung für rezeptpflichtige Medikamente machen. Das ist per Arzneimittelgesetz verboten." Und weil sich neben Nahrungsergänzungsmitteln und rezeptfreien Medikamenten kosmetische Pflegepräparate meist sehr dekorativ ausnehmen, erfreuen sich die Hersteller von Dermokosmetik an flächendeckendem Marketing.

Schaufensterwerbung wirkt - das belegen auch die Umsatzzahlen der Konzerne: Die Marke Vichy, weltweit Nummer eins in dermokosmetischer Hautpflege, verzeichnete im vergangenen Jahr ein Plus von rund acht Prozent; Produkte von La Roche Posay - der Nummer zwei in Österreichs Apotheken und ebenso wie Vichy eine Marke von L'Oréal - erwirtschaftete fast 13 Prozent mehr Umsatz. "Tendenz permanent steigend", bilanziert auch Apotheker Schehl.

Fachliche Beratung und optimale Pflege

Laut Umfragen legt Apothekenkundschaft - im Unterschied zu Leuten, die im Drogeriemarkt kaufen - auf fachliche Beratung Wert, will optimale Pflege ihrer Haut und schenkt dem Urteil von pharmazeutisch geschultem Personal mehr Vertrauen als herkömmlichen Angestellten des Einzelhandels. Neben Vichy und La Roche Posay weitere Top-Seller in Österreich und ausschließlich in Apotheken erhältlich: Pflege aus dem Hause Avène (Pierre Fabre), die Marke Eucerin (Beiersdorf) und Produkte des Schweizer Kosmetikherstellers Louis Widmer (Widmer AG).

Der Markt ist heiß umkämpft: ,,Wir sind die einzige Kosmetikmarke, deren Studien auch in wissenschaftlichen Journalen publiziert werden", behauptet Veronika Lang, wissenschaftliche Leiterin von La Roche Posay Österreich. Eucerin-Chef-Forscher Andreas Schebky will das so nicht gelten lassen: "Auch wir erstellen wissenschaftliche Studien, investieren viel Geld in Inhaltsstoffe und testen aufwändig, um Irritationen auszuschließen. Es geht ja bei den Tests um Signifikanz, nicht um die Anzahl der Probanden."

Von Avène bis zu Louis Widmer

Österreichs Hautärzte empfehlen jedenfalls Pflege beider Marken, genauso wie Kosmetik von Avène, Vichy und Louis Widmer. "Wir informieren uns unter anderem im Rahmen von Kongressen gründlich über die Produkte. Jeder Hautarzt wird eine Vorliebe für eine bestimmte Marke haben, aber grundsätzlich sind alle fünf Firmen seriös", sagt Tamar Kinaciyan, Leiterin der Allergieambulanz an der Uni-Klinik Wien.

Auch Apotheker und Apothekerin entscheiden individuell, welche Marken in ihrem Verkaufsraum präsentiert werden. Spezielle Richtlinien für Dermokosmetik gibt es nicht, die Präparate müssen - genauso wie herkömmliche Drogerieware - der EU-Verordnung für Kosmetik und den nationalen Bestimmungen entsprechen. "Apotheker sind freie Unternehmer und für sich selbst verantwortlich", erklärt Christiane Körner, Vizepräsidentin der Österreichischen Apothekenkammer, und arbeiten daher renditeorientiert, glaubt zumindest Philip Jedele, Produktmanager der deutschen Dermo-Kosmetikmarke Dado Sens. Kleine Firmen fänden auch bei gleicher Qualität kaum Zugang zum Apothekensortiment, kritisiert der Marketing-Experte.

Dado-Sens-Produkte waren in Deutschland sechs Jahre lang in Apotheken erhältlich; das Unternehmen entschied sich schlussendlich für den weniger lukrativen Reformhausvertrieb. "Es gibt in Apotheken Verkaufswettbewerbe - und große Konzerne bieten Anreize, mit denen wir nicht mithalten können. Das geht bis hin zu Reisen", weiß Jedele.

Christiane Körner von der Apothekenkammer kann darüber nur den Kopf schütteln. "Stimmt absolut nicht", sagt die Grazer Apothekerin. ,,Ich arbeite qualitäts- und nicht renditeorientiert." Und das gelte auch für die übrigen Apotheker des Landes.
(Der Standard/rondo/05/05/2006)

  • Artikelbild
    foto: der standard
Share if you care.