"Fräulein, Sie sollten Trainerin werden!"

19. Mai 2006, 20:45
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Lavinia aus der Kaschmirdynastie der Biagiotti hat zwei große Leidenschaften: die Mode und den Fußball. Ein Gespräch über kickende Designer, WM-Vorbereitungen und den Traum vom Defilée in einem Stadion

Mailand, der Tag vor der Präsentation der neuen Herbst / Winter-Kollektion. Nicht gerade der ideale Zeitpunkt für ein Interview. Die letzten Anproben, die Platzierung der Gäste: Modedesigner wollen da eigentlich nicht gestört werden. Dass sich Lavinia Biagiotti Cigna dennoch die Zeit für ein Gespräch nimmt, hat mit dem Thema zu tun: Fußball. Sie ist eine "Laziale". eine begeisterte Anhängerin des Fußballclubs Lazio Rom. Selbst italienische Sportjournalisten schätzen den Fachverstand der 27-Jährigen und lassen sie hin und wieder Kolumnen schreiben - sicher keine alltägliche Nebenbeschäftigung für eine junge Frau, deren Visitenkarte der Titel "Laura Biagiotti Junior Vice President" ziert. Wie so viele Kinder italienischer Modedynastien schickt sich nämlich auch Lavinia an, das Erbe ihrer Mutter in die Zukunft zu führen. Laura Biagiotti begann in den 60er-Jahren Mode zu entwerfen. Ihr Kaschmir machte sie bald weltberühmt. Heute steht der Name für ein Lifestyle-Imperium, das verschiedene Kollektionen, Düfte, Accessoires sowie Haushaltskeramik umfasst. Aber wir wollten ja über Fußball reden . . .

Frau Biagiotti, können Sie sich noch an Ihren ersten Stadionbesuch erinnern? Wie alt waren Sie?
Biagiotti: Vielleicht zwei, drei Jahre. Und ehrlich gesagt: Ich habe mich zu Tode gelangweilt. Deshalb hat mein Vater mir immer Topolino-Comics mitgenommen, mit denen ich mich dann während des Spiels beschäftigen konnte. Doch allmählich wuchs die Leidenschaft, so richtig explodiert ist sie dann während der Weltmeisterschaft 1990 in Italien. Danach habe ich praktisch keine Partie mehr verpasst.

Ehrentribüne oder Fankurve?
Biagiotti: Zurzeit schaffe ich es leider nicht sehr oft ins Stadion und sehe die meisten Spiele daher zu Hause. Früher war der Stadionbesuch ein festes Sonntagsritual, ein großes Vergnügen. Heute wird man aber durch ein Spalier von Polizisten geführt, am Eingang wollen sie deinen Ausweis sehen, sie schauen dir in die Taschen. Es geht zu wie auf dem Flughafen. Das macht mir eigentlich keinen Spaß mehr.

Lassen Sie sich auf der Tribüne auch zu derben Kraftausdrücken hinreißen?
Biagiotti: Das nicht, aber ich singe alle Hymnen und Chöre mit - und das die ganzen 90 Minuten. Eigentlich bin ich nie ruhig. Ich singe, rede oder gebe den Spielern Ratschläge, was sie machen sollen (lacht): "Gib ab! Pass auf!" . . . Oft höre ich dann von meinen Nachbarn: "Fräulein, Sie sollten Trainerin werden".

Sie spielen - als einzige Frau - in der italienischen Nationalmannschaft der Modedesigner. Wie behandeln Sie die Herren Missoni, Versace und Etro?
Biagiotti: Das erste Mal war ich ihnen sehr suspekt - wie eine Außerirdische. Es gab auch nur eine Kabine, also musste ich mich im Sanitätsraum umziehen. Doch das Misstrauen hat sich schnell gelegt, und ich wurde als Mannschaftskameradin akzeptiert. Ich tauche da ja auch nicht aufgetakelt auf, sondern sehr sportlich - fast schon männlich. Heute bekomme ich sogar auf Geschäftsreisen Anrufe von unserem Trainer: "Lavinia, vergiss nicht zu trainieren."

Diesel-Boss Renzo Rosso soll ein exzellenter Fußballer sein . . .
Biagiotti: Ja, das stimmt. Renzo ist auf dem Platz sehr kreativ und innovativ - so wie seine Jeans - lacht - . Er ist ein Führungsspieler, sehr wichtig für unsere Mannschaft.

Wie schätzen Sie Ihre eigene Leistung auf dem Platz ein?
Biagiotti: Früher in der Schule war ich eine ziemlich gute Elfmeterschützin. Heute habe ich weniger technische Qualitäten, aber viel Einsatzwillen und spiele Vorstopperin - mit der Trikotnummer 43. Das ist das Geburtsjahr meiner Mutter. So stehen immer zwei Biagiotti-Generationen auf dem Platz.

Unterhalten Sie sich eigentlich lieber über Fußball oder über Mode?
Biagiotti: Die Mode ist mein Leben, mein Beruf, den ich mit großer Leidenschaft verfolge. Fußball ist ein Hobby, das mir hilft, etwas Abstand von der Mode zu bekommen. Auf der einen Seite sehe ich die eleganten Frauen mit ihren hohen Absätzen, und dann gefällt es mir hin und wieder, den Männern in den kurzen Hosen und den Stollenschuhen zuzuschauen - lacht - .

Fußball und Mode pflegen seit ein paar Jahren ein sehr inniges Verhältnis. Wie konnte es dazu kommen?
Biagiotti: Die Mode registriert ja sehr genau, was in der Gesellschaft passiert. Und wenn man sieht, wie wichtig der Sport und der Fußball den Menschen sind, mussten wir nach Wegen suchen, dem gerecht zu werden.

Heute kümmern sich nicht nur Modedesigner um den Fußball, sondern auch Künstler, Schriftsteller. Die wahren Fans beklagen bereits die zunehmende Intellektualisierung.
Biagiotti: Also, ich bevorzuge auch den gespielten Fußball. Fußball gehört ins Stadion und nicht ins Museum. Aber es ist auch schön zu sehen, dass er aufgewertet wird.

In den Termini des Fußballs: Wie definieren Sie ihre Rolle im Unternehmen. Sind Sie die "fantasista", die kreative Spielführerin?
Biagiotti: "Fantasista", ja, das wäre schön. Aber die Wahrheit ist: Ich bin ein "Mediano" (dynamischer, aber eher unspektakulärer Spieler im Mittelfeld, Anm.). Ich rackere von morgens bis abends, verteile die Bälle und bewege mich auf dem ganzen Spielfeld, zwischen Produktion und Präsentation. Die "Fantasista" bei uns ist wohl eher meine Mutter.

Ihren neuen "Kapitän" finden italieni- sche Modehäuser - wie bei Ihnen - meistens in der eigenen Familie. Hat das nur Vorteile?
Biagiotti: Ich denke schon. Die Verbindung zwischen Familie und Unternehmen ist ja etwas typisch Italienisches. Hier liegt auch der Ursprung des Erfolges des "Made in Italy". Zwar gibt es Beispiele wie Gucci, wo erst die Familie ausscheiden musste, bevor es wieder aufwärts ging, aber die Regel ist das nicht.

Und was ist mit dem frischen Blick auf das Vermächtnis des Hauses?
Biagiotti: Natürlich sollte man nicht denken, allein der Name befähigt dich, den Erfolg des Unternehmens deiner Eltern zu bewahren und zu mehren. Ohne die Integration auswärtiger Elemente funktioniert das ganz sicher nicht.

Eine Modenschau ist nur einem kleinen Kreis Journalisten und Einkäufern zugänglich. Warum machen Sie nicht einmal eine Show für die Masse?
Biagiotti: Wir haben das ein Mal gemacht. Im Sommer 2004 zeigten wir unsere Mode auf der Piazza del Campidoglio in Rom. Man hatte uns aus Sicherheitsgründen geraten, den Platz abzuriegeln. Wir aber ließen ihn offen, so dass neben den geladenen, sitzenden Gästen noch einmal 2000 aus den umliegenden Palazzi oder auf den Treppenstufen zuschauen konnten. Aber es stimmt, wir sollten uns mehr dem großen Publikum öffnen. Mein Traum wäre eine Biagiotti-Modenschau in einem Stadion vor 80.000 Zuschauern.

Jetzt, so kurz vor der Fußball-WM, überschwemmt die Mode den Markt mit Taschen in Ballform, Uhren in den Länderfarben und ähnlichem Schnickschnack. Was halten Sie davon?
Biagiotti: Von den hyperkreativen Geschichten halte ich wenig. Aber ich liebe die offiziellen Merchandising-Produkte. Von den Olympischen Spielen in Athen habe ich einen Koffer voller T-Shirts und Kappen mitgebracht. Das Problem ist nur: Eine Woche lang gefallen sie dir höllisch, dann werden sie zum Alptraum, und du weißt nicht, wohin damit.

Haben Sie sich eigentlich schon Tickets für die Fußball-WM gesichert?
Biagiotti: Nein, noch nicht. Das erste Spiel Italiens findet am 12. Juni in Hannover statt - am Geburtstag meines Freundes Francesco. Das Ticket würde ich ihm gern schenken.

Sie wissen, dass die Ticketvergabe äußerst kompliziert ist?
Biagiotti: Ja, aber mein Lebensmotto lautet: "It can be done."
(Der Standard/rondo/05/05/2006)

Interview: Axel Botur
  • Laura Biagiotti
    foto: der standard

    Laura Biagiotti

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