Die alten Leiden der Gewerkschafter am Penthouse des Chefs

13. Juni 2006, 21:28
11 Postings

Eine Wohnung über den Dächern Wiens wird zum Fanal für den Niedergang des Präsidenten

Die "einfachen" ÖGB-Mitglieder tun sich schwer mit Mitleid mit dem geschassten Fritz Verzetnitsch. Eine Momentaufnahme an der Basis.

*****

Kurt Gennaro muss auf niemanden mehr Rücksicht nehmen, schon gar nicht auf irgendwelche Gremien. Er ist das, was man als "ÖGB-Urgestein" bezeichnen kann. Das wohl bekannteste in der Steiermark. Der pensionierte Metallergewerkschafter und FSG-Landesvorsitzende kann sagen, was er sich denkt. Und rund um die Bawag-Affäre und die ÖGB-Verstrickungen gibt es einiges zu sagen.

Verstrickungen der ärgeren Art kennt Gennaro ganz gut. Machte er doch 1989 den so genannten Rechberger-Skandal, der die Arbeiterkammer, den ÖGB und die SPÖ schwer erschütterte, mit. Der "Fall Rechberger" wurde damals zum Synonym für Multifunktionärstum mit üppigen Mehrfachbezügen. Aber, so meint Gennaro im STANDARD-Gespräch: "Gegen das, was jetzt los ist, war der Rechberger-Skandal ein Lapperl. Ich leide enorm darunter. Gnadenlos gehören die Verantwortlichen verfolgt, wenn's sein muss, sollen sie hinter schwedische Gardinen."

Auch der frühere ÖGB-Chef kommt nicht ungeschoren weg. "Mein Mitleid hält sich auch bei Fritz Verzetnitsch in Grenzen. Es ist nicht vorstellbar, dass er nicht involviert war. Der ÖGB soll es getrost auf einen Arbeitsprozess ankommen lassen. Ich habe Verzetnitsch schon vor Jahren gesagt, er soll endlich auf sein Penthouse verzichten und sich wie jeder normale Mensch ein Häuschen bauen. Das war ja immer eine Diskussion im ÖGB." Die Nationalratswahl hält der Sozialdemokrat aber längst nicht für verloren. "Die Leut sind mündiger als manche glauben."

Davon ist auch der Betriebsratsvorsitzende der VA Tech Hydro, Siegfried Tromaier, überzeugt. Der steirische Gewerkschafter sagt: "Am 1. Mai haben wir gesehen, dass die Leut trotzdem z'sammhalten. Natürlich empfindet es jeder als Witz und Riesenschweinerei. Allein die Penthouse-Sache. Es war einfach nicht standesgemäß, von oben herab auf die Leute zu schauen. Und dann der Kaufpreis. Blöder geht's ja wirklich nicht mehr."

Unverzeihlicher Fehler

Mittlerweile habe sich aber auch so etwas wie ein Trotzgefühl im Sinne von "Wir-lassen-uns-den-ÖGB-nicht-umbringen" breit gemacht. Dass der Skandal mit immer neuen Enthüllungen weitergehen könnte, daran will der Beriebsratschef gar nicht erst denken. "Das wäre nicht auszuhalten, wenn noch was nachkommt", sagt Tromaier.

Im Herzen der Linzer Schwerindustrie sitzt der Schock ganz offensichtlich tief. ÖGB-Krise, Bawag-Skandal und Verzetnitsch-Rücktritt sind zwischen den Stahlkochern noch kaum verdaut, da folgte mit dem finalen Rauschmiss des einst so beliebten ÖGB-Präsidenten der nächste Schlag. An der Schichtbus-Haltestelle ist man sich am Mittwoch aber einig. Verzetnitsch ist das "Bauernopfer".

"Natürlich hat der was gewusst, die Verantwortung liegt aber jetzt nicht bei ihm alleine", ist ein rußgeschwärzter Voestler überzeugt. Auch der Kollege meint: "Der Rausschmiss ist doch nur eine Sache für die Öffentlichkeit. Es ist schade. Verzetnitsch war der Beste, er war immer da für uns." Die angekündigte Pensionsstreichung sorgt für Gelächter. "Der wird seine Pensionsgage mit Sicherheit kassieren, auch wenn keiner das zugeben wird", glaubt ein anderer Arbeiter - am Revers seines Blaumanns trägt er den ÖGB-Anstecker.

Eins ist aber für die versammelten Hackler in Linz klar: Die Bawag-Affäre werde durch den Rausschmiss von Fritz Verzetnitsch "auf keinen Fall irgendwie abgeschwächt". Betrug mit Betrug abzudecken sei, "ein unverzeihlicher Fehler gewesen, die zahlreichen Austritte aus dem ÖGB damit mehr als gerechtfertigt".

Ein junger OMV-Mitarbeiter findet es "sehr eigenartig", dass der Bawag-Skandal gerade in einem Wahljahr von den anderen Parteien "so extrem sanft" behandelt wird. Ganz unerklärlich ist das dem Arbeiter aber auch nicht: "Die ÖVP hat doch mindestens genauso viel Dreck am Stecken - da schweigt man lieber." (mue, ecke, mro, nim/DER STANDARD, Printausgabe, 4.5.2006)

Share if you care.