Diplomatie lässt um Hilfe fürchten

11. Juli 2006, 09:57
posten

Tschernobyl-Helferin widerspricht Vorarlberger Weißrussland-Politik

Bregenz – Einige Vorarlberger VP-Politiker pflegen eine besondere Beziehung zum weißrussischen Regime. Eine Hilfsaktivistin tritt ihnen entgegen.

Die Landesräte Rein und Schwärzler besuchten im April Präsident Lukaschenko, um Energie- und Wirtschaftsprojekte zu pushen. Der Rankweiler Bürgermeister und Landtagsabgeordnete Hans Kohler war im März bei den umstrittenen Wahlen auf Einladung des Regimes Wahlbeobachter und konnte weder Manipulationen noch Repressionen gegen die Opposition beobachten. In einem Interview schilderte er: "Die Einkommen sind gestiegen, die Pensionen kommen pünktlich, die Ernährungslage ist tipptopp. Es gibt breitflächig ein erschwingliches Angebot an Grundnahrungsmitteln." Doris Allgäuer, Tschernobyl-Helferin, schüttelt den Kopf. "Dann bräuchten wir die ganzen Hilfsprojekte ja nicht mehr, könnten zu Hause bleiben."

"Tipptopp ist in diesem Land gar nichts"

Die 63-jährige Harderin betreut seit 14 Jahren Sozialprojekte in Belarus: "Tipptopp ist in diesem Land gar nichts." Das offizielle Durchschnittseinkommen von 250 Euro erreichten die wenigsten, "wir betreuen Familien, die müssen mit 70, 80 Euro monatlich leben." Doris Allgäuer hilft mit "unzähligen Spenderinnen und Spendern", ihrem Mann Heinz und kirchlichen Organisationen abseits der ausgetrampelten Hilfspfade, dort "wo keine offiziellen Delegationen hinkommen": In desolaten Waisenhäusern, wo schwer behinderte Kinder einfach vergessen wurden. In Krankenhäusern, die vom "internationalen Hilfstourismus" (Allgäuer) nicht erreicht werden. Im Frauengefängnis, wo 1400 Frauen auf engstem Raum einsitzen, darunter zahlreiche allein erziehende Mütter mit ihren Kindern. "Die Frauen müssen ihre Kinder ins Gefängnis mitnehmen, weil sie niemanden für die Kinder haben."

"Zustände schönreden"

Armut, soziale Verelendung, familiäre Gewalt prägen die weißrussische Gesellschaft. "Der Staat erfüllt seine sozialen Aufgaben nicht", kritisiert Frau Allgäuer. "Diese Aufgaben werden einzig von den Kirchen wahrgenommen." Organisationen wie die Caritas bauen das erste Kinderdorf, geistliche Schwestern geben den abgeschobenen und sterbenden Waisenkindern Würde zurück. Der 91-jährige Kardinal Kazimierz Swiatek kümmert sich selbst um obdachlose Haftentlassene. Allgäuer: "Wenn unsere Politiker diese Zustände schönreden, schadet das der gesamten humanitären Hilfe." Nachsatz: "Hilfe für die Menschen in Belarus ist auch möglich, ohne sich einem Diktator anzubiedern." (jub/DER STANDARD, Printausgabe, 4.5.2006)

Spendenkonto "Tschernobylhilfe". Hypo Hard BLZ 58.000, Konto: 10281718113
Share if you care.