Kritik an Entlassung von "Notopfer" Verzetnitsch

10. Mai 2006, 13:15
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Betriebsrat stimmt Entlassung "sicherlich nicht" zu - AK-Dinkhauser "dreht es den Magen um"

Der ÖGB wurde auch gegründet, um Arbeitnehmer in Ausnahmesituationen zu schützen und ihnen zu helfen, sich gegen Arbeitgeber zu wehren, die ihre Mitarbeiter auspressen, fallen lassen und am Ende entlassen.

Es gehört zu den vielen Absurditäten dieser Causa, dass der ÖGB nun mit einer solchen Ausnahmesituation in den eigenen Reihen fertig werden muss - mit der Entlassung des einstigen Präsidenten, der einmal Vertreter des Arbeitgebers ÖGB gegenüber seinen 1950 Bediensteten gewesen war. Wie allen anderen Angestellten der Gewerkschaft steht auch Fritz Verzetnitsch nun eine betriebsrätliche Vertretung zu. Das bedeutet, dass sich der Zentralbetriebsrat des ÖGB nun zur "Entlassung des Arbeitnehmers Verzetnitsch" äußern muss.

Herbert Beinhauer, zuständiger Betriebsrat für die ÖGB-Zentrale, ist von Präsident Rudolf Hundstorfer bereits offiziell informiert worden. Beinhauer: "Wir haben das zunächst einmal zur Kenntnis genommen, die Körperschaft wird in Kürze entscheiden, wie wir reagieren." Drei Möglichkeiten hat der Betriebsrat laut Arbeitsrecht: Er kann der Entlassung zustimmen, "sich verschweigen" oder dagegen protestieren. "Zustimmen werden wir sicherlich nicht", sagte Beinhauer am Mittwoch zum STANDARD. Aus einem simplen Grund: Nur wenn der Betriebsrat schweigt oder protestiert, habe "der Arbeitnehmer das Recht, seine Ansprüche vor dem Arbeitsgericht geltend zu machen". Stimme er zu, ist das nicht möglich: "Wir werden der schlechtesten aller Möglichkeiten für den Arbeitnehmer sicherlich nicht zustimmen." Und was sagt die Belegschaft zur Entlassung ihres einstigen Präsidenten? Beinhauer: "Die Belegschaft mischt sich da nicht ein, die erwartet, dass die Spitze die Probleme löst."

Grünen-Sozialsprecher Karl Öllinger verweist auf das Transparenzdefizit des ÖGB, das gerade an diesem Fall sichtbar werde: "Es ist doch seltsam, dass ein gewählter ÖGB-Präsident sogar nach seinem Abgang im Angestelltenverhältnis verbleibt." Man hätte außerdem eher erwartet, dass Verzetnitsch in seinem Vertrag lediglich eine Funktionszulage als Präsident vereinbart hätte.

Dinkhauser "dreht es den Magen um"

Dem Tiroler Arbeiterkammer-Chef Fritz Dinkhauser (V) "dreht es den Magen um", wenn er die Entlassung von Ex-Präsident Fritz Verzetnitsch durch den Gewerkschaftsbund betrachtet. Verzetnitsch sei in Zusammenhang mit der BAWAG-Afäre zwar zur Verantwortung zu ziehen, aber vor Gericht und nicht von den Gewerkschaften, meinte er Mittwoch Abend in der "Zeit im Bild 2".

Zurückhaltend äußerte sich Dinkhauser zu Vorwürfen gegenüber Bundesarbeiterkammer-Präsident Herbert Tumpel wegen dessen Rolle als früherer Aufsichtsratspräsident bei der BAWAG. Sollte er Sünden aus der Zeit haben, sei die Verantwortung wahrzunehmen. Der Rücktrittsaufforderung so manchen seiner Parteifreunde schloss sich der Tiroler AK-Chef aber nicht an.

Missfallen bei Dinkhauser löst aus, dass derzeit versucht werde, die Schuld nur einzelnen Personen zuzuschieben. So werde etwa Verzetnitsch der Bevölkerung als "Notopfer" dargeboten. Wenn so vorgegangen werde, müsse "viel Sumpf" da sein. Denn es gebe ja mehrere in der Gewerkschaft, die Verantwortung gehabt hätten. (stui, kob/DER STANDARD, Printausgabe, 4.5.2006/APA)

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    foto: der standard/heribert corn
  • Ex-ÖGB-Chef Verzetnitsch am Mittwoch im Wiener Cafe Prückl
    foto: der standard/heribert corn

    Ex-ÖGB-Chef Verzetnitsch am Mittwoch im Wiener Cafe Prückl

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