Auf der Suche nach dem Feuer

4. Mai 2006, 18:47
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Renaud und Gautier Capucon gastieren am Donnerstag im Wiener Konzerthaus

Wien - Nein, sie picken nicht aufeinander, wollen auch nicht als "Zwillinge" vermarktet werden. Aber wenn es um Kammermusik geht, ist es oft so, dass Geiger Renaud Capucon (Jahrgang 1976) und Cellist Gautier Capucon (Jahrgang 1981) gemeinsam auf dem Podium landen, denn auf eine "mysteriöse Art und Weise empfinden wir Musik ähnlich. Auch wenn es bei Proben oft heftig zugehen kann, was Leute, die erstmals mit uns spielen, etwas frappiert", sagt Renaud.

Ein Blick auf die Liste jener Musiker, mit denen die beiden Franzosen zu tun hatten, reicht tatsächlich aus, um zu bestätigen, dass die juvenilen Günstlinge von Virgin Classics es nicht nötig haben, als Familienunternehmen aufzutreten. Renaud, ein gefragter Solist und regelmäßig Gast in Lockenhaus, wo er mit Gidon Kremer musiziert, besitzt eine Geige, die Isaac Stern 40 Jahre lang spielte. Und Gautier hat schon mit Martha Argerich und auch Daniel Barenboim zusammengearbeitet.

Klar, dass in diesem Zusammenhang viel von "Lernen" die Rede ist. "Mit solchen Leuten zu spielen führt zu großen Entdeckungen. Aber man muss präsent sein. Künstler wie Argerich geben dir viel, aber du musst viel zurückgeben. Man spielt vielleicht nicht besser als sonst, aber es ist da ein spezielles Feuer."

Warum er sich einst, mit viereinhalb, fürs Cello entschied, kann Gautier nicht sagen. "Meine Eltern haben mir erzählt, dass ich es einen Monat lang mit der Geige probiert und gehasst habe." Wie es ernst wurde mit dem Cello, "habe ich dann schon jahrelang sechs bis acht Stunden geübt." Heute sei das etwas anders. "Aber wenn man ein neues Werk erarbeitet, sitzt man wieder sechs Stunden am Cello und legt dann noch einmal vier Stunden Ensembleprobe nach."

Renaud kam im Durchschnitt bis zum 20. Lebensjahr auf fünf bis sechs Stunden täglich: "Heute bewegt es sich so bei zwei Stunden. Wenn ich aber ein neues Stück erarbeite, gibt es kein Zeitlimit - da kann es schon Nacht werden." An besonders schwierige Karrierephasen können sich beide nicht erinnern. "Klar. Ich habe in Paris bei meinem Lehrer harte Momente erlebt", erzählt Renaud, "da habe ich gelitten, aber es war ein großer Lehrer, und es hat sich ausgezahlt." Allein, das war alles freiwillig, Renaud: "Wenn ich manche Leute höre, kann ich diesen Druck der Eltern regelrecht im Spiel spüren. Wir hatten das nicht. Der Druck kann natürlich auch gut sein, weil man kämpfen lernt. Aber manchmal tötet er die Musik."

Kommt bei Gautier nicht vor. Er hasst Routine, ihm kann man auch kein Repertoire aufzwingen. "Wenn ich ein Werk nicht fühle, nicht mag oder es nicht verstehe, dann spiele ich es nicht. Da will ich ehrlich bleiben." Ehrlich will auch Renaud bleiben, und das heißt auch, eine persönliche Note einbringen, nach dem Motto: "Mach dein eigenes Gulasch!" In diesem Punkt seien die Alten wie Menuhin Meisterköche gewesen. (DER STANDARD, Print-Ausgabe, 4.5.2006)

Von Ljubisa Tosic
  • Familiäre Kammermusik: Gautier Capucon (li.) und Renaud Capucon.
    foto: virgin

    Familiäre Kammermusik: Gautier Capucon (li.) und Renaud Capucon.

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