"Die Angst ist unser größtes Problem"

1. Juni 2006, 17:04
11 Postings

Die Serben im Kosovo leben auch Jahre nach Ende des Krieges isoliert

Das kleine Dorf gleicht einer Geisterstadt. Zerschossene Mauern säumen die schmalen, ungeteerten Straßen von Belo Polje, einer kleinen serbischen Enklave unweit der westkosovarischen Stadt Pec. Hohes Gras ist bereits über die Steinhaufen gewachsen, die früher Häuser von serbischen Familien waren.

"Das größte Problem ist, dass es keine Arbeit gibt", erzählt Dragan Bacevic den österreichischen Journalisten, die auf Einladung der serbischen Regierung in das Dorf gekommen sind. Der 43-Jährige ist einer der wenigen Serben, die noch in Belo Polje geblieben sind und von einer Zukunft in ihrem Heimatdorf träumen. "Ich habe mein ganzes Leben in das hier investiert", fügt er erklärend an und deutet auf sein Haus, das zur Hälfte noch Rohbau ist.

Seine Familie - Ehefrau Snezana und die fünf Kinder - sind nach der Flucht während des Kosovo-Kriegs im serbischen Kraljevo geblieben. Seine Frau hätte ihn lieber bei sich. "Aber er will nicht weg von hier." Der gelernte Elektrotechniker lebt nun von der Unterstützung von Nichtregierungsorganisationen und aus Serbien. Er wünsche sich, sein Land zu bewirtschaften und die Produkte nach Serbien zu verkaufen, erzählt Bacevic. "Davon könnten wir leben."

Der Wunsch scheitert nicht nur am mangelnden Geld. Das Dorf wird von Soldaten der internationalen Schutztruppe im Kosovo (Kfor) bewacht. Bacevics Onkel und Nachbar, der 73-jährige Ljubomir, erzählt, er traue sich nicht mehr hinaus auf das Feld, aus Angst vor Übergriffen von Albanern. Aus diesem Grund verlässt auch kaum einer der Bewohner Belo Polje, um nach Pec zu fahren. "Warum sollte ich da hingehen und erstochen oder erschossen werden?", fragt Dragan Bacevic. "Da bleibe ich lieber zu Hause."

Zugespitzt hat sich die Lage nach den Unruhen im März 2004, als aufgebrachte Kosovo-Albaner serbische Enklaven attackierten, Häuser niederbrannten und Tausende vertrieben, weil sie glaubten, Serben hätten albanische Kinder ertränkt. Auch Belo Polje wurde damals evakuiert, die Häuser zerstört. Seitdem hat Dragan kaum mehr Kontakt zu seinem ehemals besten Freund, einem Albaner, der ihn noch einen Tag vor den Unruhen besucht hatte. "Manchmal telefonieren wir noch. Aber er kommt nicht mehr. Er hat Angst."

Misstrauen

"Die Angst ist unser größtes Problem." Vinko Arsenejevic, ein bulliger, wortkarger Mann mit breitem Gesicht und zusammengekniffenen Augen, arbeitet bei der ethnisch gemischten lokalen Polizei, dem "Kosovo Police Service" (KPS), in Pec und hat somit täglich mit Kosovo-Albanern zu tun. Nein, die Zusammenarbeit mit ihnen sei kein Problem und er habe auch albanische Freunde. Aber "wir wollen einfach nur ein gutes Leben führen", sagt er und meint die Kosovo-Serben. "Wenn ich mit Albanern spreche, dann höre ich, dass es ihnen nicht besser geht als uns - aber die werden sofort politisch." Viele in Belo Polje glauben, die Albaner führten einen ideologischen Krieg gegen die Serben. Dass Belgrad Fehler gemacht haben könnte, glaubt kaum jemand.

Einige Kilometer weiter liegt das berühmte serbisch-orthodoxe Kloster Decani. Während des NATO-Bombardements 1999 nahm es 150 Kosovo-Albaner auf, später Serben und Roma. "Wir müssen das Eis brechen und die Leute dazu bringen, mehr miteinander zu kommunizieren", glaubt einer der leitenden Mönche dort, Sava. Dazu brauche es auch Führer, die den Blick auf Frieden und das Zusammenleben richteten. Eine schnelle Lösung der Status-Frage hält er hingegen für wenig sinnvoll. "Das würde keine Stabilität bringen."

Für Dragan Bacevic steht fest, so lange in Belo Polje zu bleiben, bis die Status-Frage entschieden ist. Doch sollte das Kosovo dann unabhängig werden, sieht er dort keine Zukunft mehr für sich. "Für mich würde das heißen, dieses Dorf zu verlassen", sagt er und zuckt mit den Schultern. "Wir werden alle hier weggehen." (DER STANDARD, Print, 4.5.2006)

Julia Raabe aus Pec
Share if you care.