Alois Marksteiner Reformer und Humanist

1. Juni 2000, 19:41

Der Vater der österreichischen Psychiatriereform ist tot. Anfang der Woche starb der ehemalige Direktor der Nervenheilanstalt Gugging, Alois Marksteiner, im Alter von 72 Jahren nach kurzer schwerer Krankheit in Baden bei Wien.

Marksteiner war der erste in Österreich, der mit dem Gedanken der gemeindenahen Psychiatrie konsequent Ernst gemacht hat. Was kein Spitalsleiter tut, nämlich den Ast absägen, auf dem er sitzt ("Betten sind Macht"), tat Marksteiner in einer unbeirrbaren Weise: Als er 1975 Direktor in Gugging wurde, verfügte die Klinik über 1000 Betten, als er 1994 in Pension ging, betrug der Bettenstand nur noch rund ein Drittel davon.

Er holte den Alltag in die Anstalt, indem er den Beruf des "Sozialhelfers" schuf - eine offizielle Umschreibung dafür, dass er engagierte Laien, die sich mit der italienischen Bewegung der "Demokratischen Psychiatrie" solidarisierten, nach Gugging brachte.

Auch förderte er den Ausbau des weltberühmten "Hauses der Künstler" auf dem Anstaltsgelände. Vor allem aber brachte er die Patienten zurück in die Gemeinde. Er organisierte Patientenurlaube im Waldviertel und Italien. Er schuf schon in den 70er-Jahren die von der Weltgesundheitsorganisation anerkannte "Modellregion Mistelbach", wo er Wohnheim, Tagesheimstätte, psychosozialen Dienst und Beratungsstellen für psychisch Kranke in einem aufgelassenen Kloster einquartierte - das erste gemeindepsychiatrische Zentrum Österreichs.

Er führte das Prinzip der Sektorisierung und das der kontinuierlichen Betreuung ein: Das Einzugsgebiet der Klinik wurde in kleine Regionen eingeteilt, und ein und dasselbe Team aus Ärzten und Sozialarbeitern betreute die Patienten im Krankenhaus und nach der Entlassung draußen in der Region. Er löste das berüchtigte Kinderhaus auf und verlegte die Patienten in kleine Heime außerhalb des Spitals. Für in Gugging alt gewordene Patienten schuf er Betreuungsstationen in Pensionistenheimen. Zuletzt war er wesentlich an der Erstellung des NÖ Psychiatrieplanes 1995 beteiligt, der nun auch die Dezentralisierung der stationären Versorgung vorsieht.

Er konnte noch mit Genugtuung den Beginn der Umsetzung dieses Planes erleben: Im Rekordtempo wurden in Niederösterreich drei psychiatrische Abteilungen an Allgemeinkrankenhäusern geschaffen - in Hollabrunn, Neunkirchen und Waidhofen an der Thaya. Weitere werden bald folgen. Psychisch Kranke können, wenn sie ein Spitalsbett benötigen, nun das Krankenhaus durch das gleiche Tor betreten wie körperlich Kranke.

Die Triebfeder all dieser Aktivitäten war ein tiefer Humanismus, der durch Marksteiners umfassende psychiatriehistorische Kenntnisse über die Ausgrenzung psychisch Kranker aus der Gesellschaft in den vergangenen Jahrhunderten genährt wurde. Die Ungerechtigkeit der Stigmatisierung von Menschen, die sozusagen zufällig psychisch und nicht körperlich krank werden, erboste ihn geradezu. Daraus erhielt er offenbar die notwendige Kraft für dieses pionierhafte Lebenswerk, das er mit bewundernswerter Hartnäckigkeit allen administrativen Barrieren zum Trotz schuf.

In seinem Sterben war Marksteiner genauso konsequent wie in seinem Leben. Als die Frage der Chemotherapie für sein schweres Krebsleiden diskutiert wurde, entschied er sich dagegen und ging vor zehn Tagen nach Hause. Nach ein paar Tagen in seinem geliebten Badener Domizil kam das Ende für alle, die weite Strecken des Weges mit ihm gegangen sind, schmerzlich schnell.
Heinz Katschnig
Vorstand der Universitätsklinik für Psychiatrie in Wien.

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