McCabe & Mrs. Miller

3. Mai 2006, 17:00
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McCabe hat einen Traum. Er will in der gerade entstehenden Stadt Hollywood ein Bordell mit einem Badehaus einrichten und schnell reich werden

Ein von wärmenden Pelzen geschützter Mann reitet durch eine blau-graue winterliche Landschaft in eine Stadt. Der Mann – McCabe (Warren Beatty) – steigt vom Pferd und späht durch das Fenster in einen Saloon, aus dem goldenes Licht Geborgenheit zu signalisieren scheint. Im Saloon breitet McCabe dann auf einem Tisch ein Tuch aus, holt Spielkarten hervor, bestellt eine Flasche Whiskey und schlägt dem Wirt vor, die Gewinne fünfzig zu fünfzig zu teilen. Ein Mann reitet in eine fremde Stadt: So beginnen zahllose Western, und so beginnt Robert Altmans fünfter Spielfilm, der Western "McCabe & Mrs. Miller" aus dem Jahr 1971. Und doch hat Altman einen Western gedreht wie kein anderer vor ihm. Einen Film, der das uramerikanische Genre seziert und analysiert, der ästhetisch und inhaltlich die Mythen und ihre Filmbilder widerlegt. Ein Western, in dem es von Anfang bis Ende um Geld geht – und um die Unmöglichkeit der Liebe.

"McCabe & Mrs. Miller" ist zur Blütezeit des New Hollywood entstanden, jener kurzen Phase in der Geschichte der Traumfabrik, in der die alten Studiobosse abdankten und die neuen Konzernbosse noch nicht die Zügel fest in der Hand hatten – und junge Autoren und Regisseure das Machtvakuum nutzten und ihre künstlerischen Vorstellungen fast ohne Intervention durchsetzen konnten. McCabe hat einen Traum. Er will in der gerade entstehenden Stadt ein Bordell mit einem Badehaus einrichten und schnell reich werden. Es gibt Bodenschätze hier, Bergwerke entstehen, und McCabe hält bald Beteiligungen. Auftritt Mrs. Miller (Julie Christie): Sie hat ihre Träume längst hinter sich. Pragmatisch macht sie McCabe klar, dass er als Mann für das Unternehmen Bordell dringend eine Geschäftspartnerin braucht.

Hier, wo eine Liebesbeziehung keimen könnte, die Frau den wilden Westerner zu domestizieren hätte, signalisiert Altman bereits durch das "&" im Titel, dass es um etwas anderes geht – eine Firma, eine Beziehung zwischen Mann und Frau, die auf Geld beruht. Selbst wenn der Romantiker McCabe später zu Mrs. Miller ins Bett steigt, wird sie immer wieder auf ihre Geldschatulle auf dem Nachttisch deuten. Die Illusion der Liebe und andere zivilisatorische Annehmlichkeiten sind nur gegen blanke Dollars zu haben. Doch der Aufstieg des Kleinunternehmens McCabe & Miller ist im nach Westen expandierenden Kapitalismus zugleich der Anfang vom Ende. Eine anonyme Bergwerksgesellschaft schickt bezahlte Killer, die McCabe, der sich selbst mit einem Westernheroen verwechselt, gerade noch erledigen kann. Er stirbt dabei – ähnlich sinnlose und einsame Western-Tode gibt es nur noch bei Sam Peckinpah. (DER STANDARD, Printausgabe vom 4.5.2006)

Von
Bodo Fründt
  • Artikelbild
    foto: sz
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