Tilde Michels: "Kleiner König Kalle Wirsch"

3. Mai 2006, 17:15
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"Hört endlich auf, mit euren einfältigen Menschengedanken zu denken!" Das ist das Geheimnis dieses Buches

"Hiiii-käckäckäckë" schimpfte Kalle. "Hat man schon so was Dummköpfiges gesehen? Da schickt man euch in die Schule, da lässt man euch eine halbe Ewigkeit lang Aufgaben machen, aber ihr begreift nichts, rein gar nichts ... ë" Es ist eben so eine Sache mit der Schule, dem Begreifen und der Dummköpfigkeit.

Zum Beispiel gibt es quer durch alle Jahrgangsstufen in allerlei Unterrichtsfächern allerlei Pädagogik-Versuche, um das Phänomen der Macht zu erklären. Aber hat man die Sache mit der Macht, einschließlich ihrer dunklen Seite, denn wirklich je verstanden?

Weiß man nun, warum denen, die alle Macht haben, ausgerechnet von jenen die größte Gefahr droht, die sie nicht haben können, aber unbedingt haben wollen? Wer das begriffen hat, der weiß, was die Welt im Innersten zusammenhält: die Differenz zwischen Macht und Ohnmacht, die Spannung von oben und unten, der Unterschied zwischen drinnen und draußen. In diesem Sinn ist Tilde Michels eine Autorin, die die Welt erklärt.

Am besten und zugleich am spannendsten ist ihr das mit der Geschichte "Kleiner König Kalle Wirsch" gelungen. Dies ist die Geschichte von Kalle Wirsch, der im unterirdischen Reich der Erdmännchen über die fünf Völker der Wirsche, Wolde, Trumpe, Gilche und Murke herrscht. Er hat die Macht. Und er ist ein guter König wenn auch durchaus unwirsch und durchaus eigen. Von einem seiner Untertanen, dem verschlagenen und hinterlistigen Zoppo Trump, wird er eines Tages zum Zweikampf herausgefordert. Denn Zoppo will die Macht. Die Macht um ihrer selbst willen. Die Macht, böse zu sein. Deshalb muss Kalle Wirsch, begleitet von den zwei Kindern Max und Jenny, im Erdreich vielerlei Gefahren und schließlich den Kampf um die Königskrone bestehen. Das heißt: Eine Königskrone gibt es nicht in jenem unterirdischen Reich, in dem ganz klar ist, wer König ist. Das ist derjenige, der von innen heraus am hellsten leuchtet. Die Welt der Erdmännchen ist eine denkwürdig zu unserem oberirdischen Leben kontrastierte Parallel- und Schattenwelt, in denen blinde Fährmänner blinde Fische roh verspeisen, in denen Vulkane brodeln und das Leben vor allem aus Höhlen und Gängen besteht, aus schimmerndem Gestein, Spalten und dampfenden Schlünden, aus Quellen, Grotten, dunklen Strömen ...

Eines Tages fordert Kalle verächtlich: "Hört endlich auf, mit euren einfältigen Menschengedanken zu denken!" Das ist das Geheimnis dieses Buches. Man muss sich hinab ins Erdreich begeben, zu den Schatten, um zu begreifen, was sich darüber abspielt.(DER STANDARD, Printausgabe vom 4.5.2006)

Von Gerhard Matzig
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    foto: sz jugendbibliothek
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