IFES-Meinungsforscher im derStandard.at- Interview: "Thema trägt nicht bis Herbst"

13. Juni 2006, 21:26
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Georg Michenthaler glaubt, dass die Bawag-Affäre der SPÖ weniger schadet, als es der ÖVP lieb wäre und sieht roten Solidaritätseffekt

Georg Michenthaler vom Meinungsforschungsinstitut IFES glaubt nicht, dass sich das Thema Bawag-Affäre bis in den Herbst hält. In einer Perspektive von ein, zwei Monaten werde die Causa der SPÖ weit weniger schaden, als es der ÖVP lieb wäre. Innerhalb der Gewerkschaft sieht Michenthaler im derStandard.at-Interview sogar Anzeichen für einen "Mitleids- und Solidaritätseffekt", der rote Stimmen bringen könnte. Die Fragen stellte Rainer Schüller.

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derStandard.at: Gibt es aktuelle Umfragewerte, wie sich die Bawag/ÖGB-Krise auf die politischen Parteien auswirkt?

Michenthaler: Wir haben derzeit noch keine aktuellen Umfrageergebnisse. Der Begriff "aktuell" bekommt übrigens angesichts der Dynamik der Ereignisse eine völlig neue Bedeutung. Sinnvollerweise müsste man fragen: Gibt es heutige Umfrageergebnisse?

derStandard.at: Wo sehen Sie die Ursachen für die Affäre?

Michenthaler: Es wäre zweifellos viel zu kurz gegriffen, die Affäre allein mit dem Fehlverhalten Einzelner zu erklären. Man muss sich schon auch die Frage stellen, in welchem Umfeld dieses Verhalten überhaupt erst möglich wurde.

Eine der tieferen Ursachen wäre etwa die komplexe Organisationsstruktur der Gewerkschaft: hauptamtliche Beschäftigte, ehrenamtliche Funktionäre, autonome Teilgewerkschaften, das alles noch überlagert durch fraktionelle Bindungen.

Da wurde in der Verfolgung von partikularen Sonderinteressen allzu gerne das gemeinsame Ganze aus den Augen verloren. Weiters die vielfältigen wechselseitigen Abhängigkeiten und Loyalitäten, die Gefahr von Rollenkonflikten durch Mehrfachfunktionen, Tendenz zu monokratischem Führungsverhalten, eine hierarchische und den offenen Diskurs scheuende Kommunikationskultur. Das alles begünstigt natürlich nicht kritisches Hinterfragen und effiziente Kontrolle.

derStandard.at: Wo werden die Ursachen innerhalb der Bevölkerung gesehen?

Michenthaler: Die Bevölkerung hat im allgemeinen nicht die Intimkenntnis komplexer Organisationen. Die nimmt dann gerne die unheilvolle Wirkung des "menschlichen Faktors" als Ursache derartiger Ereignisse an, unterstützt noch durch den Generalverdacht, die Oben würden es sich ohnehin immer irgendwie zu Lasten der "Kleinen" richten.

Insofern wird die gegenwärtige Situation von der Gewerkschaftsführung wesentlich dramatischer erlebt als von den Gewerkschaftsmitgliedern oder der Bevölkerung. Für Letztere ist keine Welt zusammengebrochen, sie haben nur wieder einmal die Bestätigung dafür bekommen, was sie ohnehin immer gewusst haben.

derStandard.at: Wie sehr schadet es der SPÖ? Wie sehr der Gewerkschaft?

Michenthaler: Der SPÖ in einer Perspektive von ein, zwei Monaten viel weniger, als es der ÖVP lieb wäre. Für die Gewerkschaft sehe ich neben dem offensichtlichen materiellen Schaden v.a. die Chance auf eine grundlegende Neuausrichtung und damit auch wieder zunehmende Legitimation.

Die jüngsten "Reformen" etwa in Form von Gewerkschaftsfusionierungen waren ja nicht so sehr von einer durchdachten strategischen Konzeption getragen, vielmehr vom steigenden ökonomischen Druck aufgrund des Mitgliederschwundes aufgezwungen.

Jetzt hingegen darf und muss alles in Frage gestellt und auf seine Sinnhaftigkeit überprüft werden. Wer hätte sich etwa noch vor einem Monat vorstellen können, dass die GPA-Führungscrew die weitere Existenzberechtigung der Einzelgewerkschaften zur Diskussion stellt? Was noch dazu kommt ist, dass der Generationenwechsel wesentlich beschleunigt wird, bisher eher randständige Gruppen in der Gewerkschaft gewinnen an Bedeutung.

derStandard.at: Welche Partei profitiert am meisten?

Michenthaler: Das lässt sich heute noch nicht mit Bestimmtheit sagen. Vermutlich wird die Frustration über die etablierten politischen Parteien generell etwas steigen. Das könnte die Wahlbeteiligung senken. Profitieren würden am ehsten wohl die Kleinparteien bzw. die Sammelparteien des politischen Protests.

derStandard.at: Wie sollte die SPÖ jetzt reagieren?

Michenthaler: Grundsätzlich nicht defensiv abwartend, sondern proaktiv, d.h. ihre Themen in den Vordergund stellen und alles tun, um die Vorgänge um die BAWAG aufklären zu helfen.

derStandard.at: Was muss die Gewerkschaft nun tun?

Michenthaler: Vordringlich ist natürlich die unmittelbaren Krisenkommunikation und -bewältigung. Da gilt dasselbe wie bei der SPÖ. Darüber hinaus sollte sie in ihrer Kommunikation aber nicht vergessen, dass Gewerkschaft von den Mitgliedern primär als unmittelbare Interessenvertretung im Betrieb verstanden und erlebt wird. Da können wir auch keine durch die BAWAG-Affäre ausgelöste akute Vertrauenskrise in die Gewerkschaft erkennen. Zum Zweiten muß sie nach der Beruhigung der Situation ernsthaft die Reform angehen.

derStandard.at: Wie lange kann dieser Schaden anhalten? Ist bis zum Herbst tatsächlich wieder alles vergessen?

Michenthaler: Man darf sich von der momentanen medialen Präsenz des Themas Nummer eins nicht täuschen lassen - die Menschen haben fundamentalere Sorgen: Arbeit, Bildung, steigende Zukunftsängste usw. Wenn sich einmal herumgesprochen hat, dass die Einlagen bei der Bawag sicher sind und das Thema aus den Medien verschwindet, dann verschwindet es auch sehr schnell aus den Köpfen der Bevölkerung. Das Thema trägt nicht bis zum Herbst.

derStandard.at: Könnte es auch mobilisierend für SPÖ-WählerInnen sein, die die Partei und die Gewerkschaft "jetzt erst recht" unterstützen wollen?

Michenthaler: Es gibt tatsächlich deutliche Anzeichen dafür, man denke etwa an die Ergebnisse der jüngsten Personalvertretungswahlen bei der Polizei (mit FSG-Gewinnen) oder an die gegenüber dem Vorjahr steigenden Teilnehmerzahlen beim 1. Mai-Aufmarsch in Wien.

Die glaubwürdige Erschütterung und Ratlosigkeit so mancher einst mächtiger und unnahbarer Gewerkschaftsbosse macht sie für die Mitglieder viel "menschlicher" und löst auch Mitleids- und Solidarisierungseffekte aus. Mir ist bekannt, dass es in den letzten Wochen nicht nur Austritte von Gewerkschaftsmitgliedern gegeben hat, sondern auch überraschend viele Neubeitritte. Da ist also einiges in Bewegung gekommen.

derStandard.at: Der Bundeskanzler hat sich mit seinem Hochwasser-Vergleich Kritik eingefangen. Könnte ein Wahlkampf, der zu sehr auf ÖGB/Bawag getrimmt ist, der ÖVP auch schaden?

Michenthaler: Davon ist auszugehen, weil der Bundeskanzler in dieser Frage keine hohe Glaubwürdigkeit hat und überzieht. Zuerst subtil Krisenstimmung schüren, um dann als Retter dazustehen - das kommt bei nachdenklicheren Menschen nicht gut an.

derStandard.at: Schüssel hat demonstrativ ein Bawag-Konto eröffnet. Die ÖVP dürfte statt auf SPÖ-Kritik also auf ein "Retter der Bawag"-Image setzen. Funktioniert das?

Michenthaler: Sie versucht es, und es mag auch da oder dort Wirkung zeigen und das Kanzlerbild entsprechend profilieren. Es ist aber für jeden kritischen Beobachter ein sehr durchschaubares Manöver. Die ÖVP tendiert immer mehr dazu, Inszenierung anstelle von Realpolitik zu machen.

derStandard.at: Ist der "nationale Kraftakt" zur Rettung der Bawag ein erstes Vorzeichen für eine Große Koalition?

Michenthaler: So wie ein durchschnittlicher Gewerkschafter die "Rettung der Bawag" durch Schüssel erlebt hat, kann ich mir zumindest von dieser Seite keine gesteigerte Begeisterung für eine große Koalition vorstellen. Das wurde vielfach auch als bewusstes Machtkalkül und als Demütigung wahrgenommen.

Zur Person

Georg Michenthaler ist Projektleiter im IFES mit dem Forschungs- Schwerpunkt "Arbeitswelt".

Hintergrund IFES und ÖGB

Der ÖGB ist am Meinungs- Forschungsinstitut IFES beteiligt. Zur Solidarität Privatstiftung, die zu 100 Prozent dem ÖGB gehört, zählt unter andrem die Pontes Beteiligungs AG, die über ihre 100 Prozent an der elektronischen Datenverarbeitung 66,7 Prozent an IFES hält.

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IFES

  • Georg Michenthaler: "Die glaubwürdige Erschütterung und Ratlosigkeit so mancher einst mächtiger und unnahbarer Gewerkschaftsbosse macht sie für die Mitglieder viel "menschlicher" und löst auch Mitleids- und Solidarisierungseffekte aus."
    foto: ifes

    Georg Michenthaler: "Die glaubwürdige Erschütterung und Ratlosigkeit so mancher einst mächtiger und unnahbarer Gewerkschaftsbosse macht sie für die Mitglieder viel "menschlicher" und löst auch Mitleids- und Solidarisierungseffekte aus."

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