Der Biomechaniker für den Konsumtempel

2. Mai 2006, 17:06
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Aktionismus des Russen Andrey Bartenev zum Finale des donaufestivals: Spaßkulturelle Selbstbefragungen

Korneuburg – Zuerst glaubt man, einem psychedelischen Kindergeburtstag beizuwohnen oder einem wahlweise von den Flaming Lips oder den Pet Shop Boys ausgestatteten Opium-Tanztee. Nuklear mutierte Teletubbies hüpfen zu repetitiven Beats von der Stange, während niedliche Wesen aus Stanniolpapier das spagatdünne Kunsthaar werfen.

Die verwirrende Welt des russischen Künstlers und Performers Andrey Bartenev ist definitiv eine Paisley-bunte Außenstelle von Clubland. Die wahlweise als Büchsen, Styropor-Bananen oder Streptokokken verkleideten Akteure verkriechen sich in Produktionen wie Underpants on the Stick unter Stoffbahnen, oder sie werden in rot linierte Papphüllen eingewickelt. Bartenevs Performance-Kunst ist an der heiklen Schnittstelle von Konsumterrortempel und Kunstgalerie situiert. Sie zeigt so witzig wie sinnfällig, wie die Leinwand Rache an allen denjenigen übt, die sie wie gehabt kunstautonom mit Öl beschmieren.

Es sind daher schlechthin die Weltverhältnisse, die Bartenev mit seinen Choreografien zum Tanzen bringt. Natürlich handelt es sich bei diesen spaßkulturellen Selbstbefragungen, die Botanical Ballet, The Snow Queen oder The Royal Family Returns heißen, um lupenreinen Kitsch. Obwohl sich sogar US-Verlangsamungsartist Robert Wilson als bekennender Bartenev-Fan deklariert hat, wird man diese methodisch angebahnten Begegnungen von Hühnereiern mit Unterhosenmodels nicht ohne Weiteres der (wie weit auch immer gefassten) Theatersphäre zuschlagen können.

Gewisse Witze stecken freilich im Detail: Manche der Swinger-Gretchen mit den aufgemalten Apfelbacken scheinen ihrerseits als zusammengesetzte Zeichengebilde zu funktionieren. Bewegte Skulpturen erzeugen den Eindruck einer langsam gelierenden Masse aus Licht, Body- Workout und industriell verschlissenen Oberflächen.

Bartenevs Kunst lebt geradezu von der Attitüde der Partizipation: Für die genannte Aktion Underpants on the Stick in der Korneuburger Werft sucht der russische Tausendsassa noch allerlei willige Vollstrecker (Mitwirkende gesucht!). It's Partytime: für Fashion-People und Kunstraumenthusiasten, denen an der Entgrenzung ihrer biomechanischen Fähigkeiten liegt. Mit anderen Worten: ein Meyerhold für das globale Empire. (SPEZIAL, DER STANDARD, Printausgabe, 3.5.2006)

Von Ronald Pohl


  • "Underpants on the
Stick"Sa., 6.
5., nach dem Line-UpDie Werft, Korneuburg
    foto: bartenev.ru

    "Underpants on the Stick"

    Sa., 6. 5., nach dem Line-Up
    Die Werft, Korneuburg

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