Anonyme Helden aus Harlem

2. Mai 2006, 17:06
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Die enigmatische No-Neck Blues Band gastiert erstmals in Österreich

Korneuburg – Gar Wunderliches erzählt man sich über die sechs Herren und eine Dame der No-Neck Blues Band. Über die man in biografischer Hinsicht gerade noch weiß, dass sich das lose Bandkollektiv mit dem eigenwilligen Akronym NNCK anno 1992 in Harlem aus New Yorker und Bostoner Musikern sowie einer japanischen Performancekünstlerin formierte. Und zwar um Multiinstrumentalist Keith Conelly und Perkussionist Dave Nuss.

Weitere Namen sind – abgesehen von den Kryptonymen K. Salvatore, Test, Suntanama, Enos, Slaughter, Izititiz, Angelblood – nicht bekannt, üben sich die enigmatischen Bluesisten doch konsequent in anonymer Verweigerungshaltung. Was schon insofern eine nicht zu unterschätzende Leistung darstellt, als der Umstand der individuellen Unbe- oder Unerkanntheit sich immer heftiger mit dem kollektiven Ruhm reibt.

Wurde das Ensemble anfangs als chaotische Jam-Band beschrieben, deren ausufernde, frei improvisierte Sessions man irgendwo zwischen Free Jazz, Psychedelia und archaischem Schamanenritual verortete und die in Kleinstauflagen auf obskuren Labels sowie dem eigenen Sound at One Records erschienen, so blieben dessen Umtriebe trotz einschlägiger Bemühungen – vielleicht auch gerade deshalb – der so genannten Öffentlichkeit dennoch nicht verborgen: Konkret wurde diese in Gestalt von Gitarrenlegende John Fahey auf die in Uptown Manhattan residierende Band aufmerksam.

Dieser erklärte das Kollektiv kurzerhand zu seiner bevorzugten Newcomer-Band. 1999 folgte eine gemeinsame Tournee, eine Plattenproduktion für sein Revenant-Label war die logische Folge. Das Werk – das erste Studioalbum der NNCK – erschien kurz nach Faheys Tod anno 2001 unter dem nicht wirklich eingängigen Titel Sticks and Stones Will Break My Bones But Names Will Never Hurt Me, bestach äußerlich durch ein apartes Holz-Plexiglas-Design, musikalisch durch die Sogwirkung, die die noch immer frei improvisierten Piecen nach zumeist reduziertem Beginn entwickelten.

Sticks and Stones bedeutete jedenfalls einen Quantensprung in der medialen Aufmerksamkeit gegenüber NNCK. Sogar die Kollegen von Sonic Youth stellten sich – augenzwinkernd – mit dem Kommentar "The greatest band ever in the history of the universe" ein. Seither sind zahlreiche weitere Platten erschienen. Zuletzt überraschten die Multiinstrumentalisten durch eine Kollaboration mit den Münchener Krautrock-Veteranen von Embryo: Das Resultat, erneut schroffe, rohe Kollektivimprovisationen mit Trance-Appeal, liegt bereits auf der CD Embryonnck (Staubgold) vor. Und nun harrt Korneuburg der Klänge, die da kommen. (SPEZIAL, DER STANDARD, Printausgabe, 3.5.2006)

Von Andreas Felber
  • No-Neck Blues Band Sa., 6. 5., 20 UhrDie Werft, Korneuburg
    foto: donaufestival/bryan leitgeb

    No-Neck Blues Band

    Sa., 6. 5., 20 Uhr
    Die Werft, Korneuburg

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