"Studium alleine noch keine Qualifikation"

23. Juni 2006, 15:35
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Karriere mit Fach­hoch­schule: Neun Ab­sol­ven­ten erzählen ihren beruflichen Werdegang zwischen Radtouren und Fuhrparks

"Leidenschaft mit Blick fürs Wesentliche"

Julia Flunger bezeichnet sich als "guinea pig", als "Versuchskaninchen" ihres Studiengangs Tourismusmanagement und Freizeitwirtschaft in Krems. Als sie 1994 mit dem Studium begann, gab es noch nicht viel dergleichen am FH-Markt.

Die Leiterin von "Fundraising, Sponsoring und Special Events" der Wiener Albertina hat diesen Bereich 2003 aufgebaut, als das Museum nach dem Umbau neu eröffnet wurde. Die 31-Jährige nennt sich eine "aufgeschlossene Persönlichkeit, die mit Begeisterung beim Job ist". Es ist die "Leidenschaft, kombiniert mit dem Blick für das Wesentliche", sagt Flunger.

Um voranzukommen solle man sich auf den Erfolg des Unternehmens konzentrieren und "nicht Zeit mit dem Planen der eigenen Karriere verschwenden", empfiehlt sie. Die "Kosten-Nutzen-Analyse" müsse aufgehen und "Denkraum für unkonventionelle Ideen soll gewährleistet sein". Kreativität ist auch Voraussetzung für die Umsetzung von 200 Veranstaltungen pro Jahr.

Julia Flunger wurde von ihrem früheren Arbeitgeber Swarovski abgeworben, und das kam ihr sehr recht: "Ich wollte seit dem Gymnasium schon immer etwas mit Kunst zu tun haben, und meine jetzige Arbeit verbindet Kunst mit dem wirtschaftlichen Aspekt. Ich glaube, dass in ,Kunst und Kultur' viel Potenzial liegt."

Die kommunikative Innsbruckerin spielt erfolgreich "die Klaviatur des Menschenumgangs" mit Sponsoren, Besuchern und der öffentlichen Hand. Dabei helfen Flunger auch die vielen Fremdsprachen, die dafür ausschlaggebend waren, dass sie in Krems studiert hat.

Chef werden durch Sägen und Bohren

Georg Lahofer bohrt und sägt Beton. Sowohl bildlich als auch praktisch gesehen, denn der 25-Jährige ist Geschäftsführer der Firma Dimas, die genau das macht. Bevor er anfing, deswegen zwischen Wien und Graz zu pendeln, hat er nach seinem Studium in Graz, Bauplanung und Baumanagement, in der elterlichen Baufirma im Weinviertel gearbeitet.

Lahofer hat in einer Zeitung die Anzeige gesehen, dass die Firma Dimas verkauft werden soll, hat "zugeschlagen" und wurde Chef.

Als Geschäftsführer ist er von seinem Spezialgebiet weit weg - heute macht er Mitarbeiterführung, Auftrags-Akquise und Fuhrparkleitung - "aber das Studium ist ein guter Grundstein für die heutigen Aufgaben," sagt er. Was ihm jedoch auf jeden Fall zugute kam, ist der Praxisbezug, sagt Lahofer. Und da er nach dem Studium noch die Baumeisterprüfung abgelegt hat, bieten sich ihm Möglichkeiten, "höher zu steigen", obwohl er schon Geschäftsführer ist.

Es ist auch eines seiner Ziele, dass er einmal im Tagesgeschäft entlastet wird und so Zeit hat, Sachverständigentätigkeiten zu machen.

Ein FH-Studium hat er deswegen gewählt, weil "ein fixes Ende in Sicht ist".

"Studium allein noch keine Qualifikation"

"Ich will in euer Team", stand im Betreff des E-Mails an die Chefredakteurin der Wienerin. Ziemlich frech eigentlich, aber doch zielführend. Das war im Februar. Heute ist Anais Horn die neue Art-Direktorin der Frauenzeitschrift, organisiert Fotostrecken und hat Verantwortung über das gesamte Erscheinungsbild des Heftes.

Die 24-Jährige hat vor einem Jahr noch Informationsdesign an der FH Joanneum studiert und ist selbst überrascht, "wie schnell es gehen kann". Sie wollte schon immer in die Richtung Editorial Design, Mode und Zeitschriften gehen, das Studium war für sie ein Weg dorthin.

"Ich habe durch mein Studium Einblick in die verschiedenen Bereiche gewonnen. Bei Fotostrecken kann ich zum Beispiel sagen, ,Die Atmosphäre wie in einem Hitchcock-Film würde passen'," erzählt sie von ihrer Arbeit.

Im Grunde mache sich das bezahlt, wofür sie ihre Freizeit bei Praktika im Ausland geopfert hat. An ihrer Ausbildung schätzt sie den praktischen Bezug "mit der künstlerischen Freiheit". Bei ihren Praktika sei sie draufgekommen, dass alle, auch die berühmtesten Designer, "nur mit Wasser kochen" und dass man mindestens genauso viel könne. Doch das Studium allein sei keine Qualifikation. Man müsse nur immer den Mut haben, alles auszuprobieren, und sich trauen, sich auch dort zu bewerben, "wo man glaubt, dass es aussichtslos ist", empfiehlt Horn.

Die Grazerin arbeitete nebenher "unter viel Stress" bei kleineren Projekten mit und gründete mit einigen Gleichgesinnten die Indie-Zeitschrift "bob".

"Work-Life- Balance" nicht vergessen

Julian Englich sitzt zwischen zwei Stühlen, scheint sich aber keineswegs unbehaglich zu fühlen. Denn der 27-Jährige ist sowohl Geschäftsführer in einer Grazer Firma, als auch Chief Financial Officer in einem steirischen Unternehmen, das mit Gießharzindustrieprodukten handelt.

Englich studierte Industriewirtschaft an der FH Joanneum in Kapfenberg und heuerte vor zwei Jahren als Gesellschafter und Geschäftsführer bei der Unternehmensberatungsfirma Consulting Team an. Er berät hauptsächlich steirische und eigentümergeführte Unternehmen, wobei die Schwerpunkte im Controlling und im Konflikt- und Krisenmanagement liegen.

Bevor es so weit kam, fing Englich 2000 ganz unten bei Consulting Team als Junior-Berater an und "konnte in den fünf Jahren alle Karrierestufen durchlaufen", erzählt er von seinem Werdegang.

Das Studium habe ihn auf seine Tätigkeiten in der Beratung "sowohl fachlich als auch sozial" gut vorbereitet, wobei ihn verschiedene Faktoren erfolgreich gemacht haben: "Ein authentisches Auftreten, das Zeigen von Engagement, Initiative und auch Durchhaltevermögen." Und dazu empfiehlt er noch: "Networking."

"Gestartet wurden schon viele Projekte - sie aber bis zum Ende und über alle Hürden hinweg durchzuführen, ist ein weitaus deutlicherer Nachweis für die berufliche Kompetenz", erzählt Englich von seinen Erfahrungen.

Keineswegs möchte er bei so viel Arbeit sich selbst vernachlässigen: "Für mich ist neben Erfolg, Karriere und Entgelt auch die Work-Life-Balance und Zeit für die Familie sehr wichtig."

Moskau als Tür zur Karriere

Karl-Heinz Hitl ist einer der wenigen, die im "Klammerzusatz (FH)" bei einem FH-Abschlusstitel keinen Nachteil sehen. Im Gegenteil, er versteht ihn als "Qualitätszusatz". Er ist zwar für eine Unterscheidung zwischen FH-und Uni-Studium, hält aber nichts von der "ständig beschworenen Konkurrenz" zwischen den beiden.

Der 27-jährige Hitl ist Assistent des österreichischen Wirtschaftskammer-Delegierten in Moskau und hat nach seinem Studium in Krems, Exportorientiertes Management, auch einen Abschluss auf der Diplomatischen Akademie in Wien gemacht.

Seine zweite Fremdsprache war Russisch und nachdem er in seiner Studienzeit auch zwei Praktika in Moskau absolviert hat, dürfte er sich in der Stadt schon heimisch gefühlt haben, als ihn der Handelsdelegierte in Moskau anwarb.

Etwas enttäuscht ist er, dass er trotz FH- und Diplomatische-Akademie-Abschluss nicht in den Höheren Auswärtigen Dienst des Außenministeriums gehen darf.

Das FH-Studium fand Hitl trotz allem gut und empfiehlt allen anderen Studenten, sich nicht unterkriegen zu lassen, denn "wenn eine Karrieretür zugeht, wird sich eine andere auftun".

Mit Handarbeit Amerika bezwingen

Fahren nach Zahlen: 4912 Kilometer und 33.440 Höhenmeter. In dieser Größenordnung ungefähr sieht der Vorarlberger Philipp Bonadimann die Vereinigten Staaten. Der 26-Jährige und andere Sportler wollen diese Strecke bezwingen und in nur zehn Tagen beim "Race Across America" durch die Staaten fahren. Das alles mit einem Handbike, denn Bonadimann ist querschnittsgelähmt.

Obwohl die Vorbereitung auf diesen "Auftrag" viel Zeit und Energie kostet, muss das Training auf nach der Arbeit warten. Eigentlich hat Bonadimann einen 40-Stunden-Job bei einer Lochauer Firma für Zeiterfassungs- und Zutrittssysteme. Und davor hat er an der FH Vorarlberg betriebliches Projekt- und Prozessmanagement studiert.

Für seinen derzeitigen Beruf war sein Studium sehr hilfreich, doch bevor er den Job fand, suchte er eine Zeit lang. "Die häufigste Ausrede war, ich hätte keine Berufserfahrung", erzählt der Sportler.

Mit der Teilnahme am "Race Across Amerika" will Bonadimann nur seine Leistung von 2003 "toppen." Damals fuhren er und seine Kollegen an neuen Tagen durch Österreich, von Loipersdorf nach Altach, unter anderem auch über den Großglockner.

Die Früchte in Nachbars Garten

Dieter Pongratz hatte gute Nachbarn. Während manch andere sich immer über den Lärm um nachbarlichen Hof aufregen, kletterte Pongratz in seiner Studienzeit über den Zaun, der an der Fachhochschule Joanneum in Graz angrenzte, und arbeitete mit.

Als Schienenfahrzeugtechnik-Student machte er seine Diplomarbeit bei dem besagten Nachbarn - Siemens Transportsysteme (TS), was ihn einige Monate auch in das Vereinigte Königreich führte. Nun ist er Maintenance Ingeneer in Milton Keynes und zuständig für die "schwere Instandhaltung von sämtlichen in England gebauten Triebzügen". Das sind ungefähr 1200 an der Zahl.

"Zufälligerweise gab es nach Beendigung meines Studiums eine Stellenausschreibung für dieses Fachgebiet bei Siemens TS UK", erzählt der 26-Jährige. Er bewarb sich, weil er "ohnehin ein paar Jahre Auslandserfahrung sammeln wollte und mir das Umfeld bekannt war", und bekam den Job.

In seinem Wunschstudium hieß es "Durchbeißen, Wochenenden gibt's in vier Jahren wieder", lacht Pongratz. Und fügt hinzu: "Gute Schienenfahrzeugtechniker und Eisenbahningenieure auf Jobsuche, bitte bei mir melden!"

"Erreichtes nicht vorgenommen"

Irgendwann vor zwei Jahren hat Katharina Rupp bei einer Baustelle eines Hotels, das von 300 Zimmern auf 500 Zimmer aufgestockt wurde, die Projektleitung übernommen. Das Hotel gehört der Firma für Business-Hotels, "NH-Hotels", bei der die 31-Jährige heute arbeitet.

"Als ich diese Baustelle beaufsichtigt habe, war ich noch bei einer anderen Firma und habe zuerst abgelehnt, als sie mir eine Stelle als Technischer Direktor angeboten haben", erzählt die Grazerin. Ihr Argument war, dass sie Bauplanung und Baumanagement - an der FH Joanneum in Graz - studiert habe und das wenig mit der angebotenen Stelle zu tun habe.

Sie ließ sich dennoch überreden und ist jetzt "Director of Maintenance" für Wartung und Instandhaltung von 13 Hotels in Österreich, der Schweiz, Rumänien und Ungarn.

Was sie bis jetzt erreicht hat, "habe ich mir nicht vorgenommen", sagt sie, und auch ihr Studium habe sie nicht eindeutig an ihre jetzige Station gebracht. "Es ist die Summe der Erfahrungen ausschlaggebend, die einen auf den Weg führt", ist die überzeugt.

"Eine gute Ausbildung ist ein Grundstein", sagt Rupp. Interesse und Einsatz müsse man selbst mitbringen.

"Fast Track" in Richtung ganze Welt

"Sometimes you have to go too far to see how far you can go" - ein Motto, dem sich viele Globetrotter unterwerfen. In diesem Fall ist es Dori Marx, die gleich nach ihrem Studium des Tourismusmanagements in Krems die Herausforderung im Ausland gesucht hat.

Sie begann als Operations Manager in einer kalifornischen Firma. Aus persönlichen Gründen wechselte sie dann an die Ostküste und vollzog auch einen beruflichen Wandel: Sie wurde Leiterin des "Austrian Tourist Office" in New York.

"Es war bemerkenswert, zu sehen, wie ich bereits bei meinem ersten Job - 9500 Kilometer von meinem Studienort entfernt - das Gelernte direkt in der täglichen Arbeit umsetzen konnte", lobt Marx ihre Ausbildung.

Die 28-Jährige legte den Grundstein für ihre Karriere schon im Studium und macht "genau das, was ich mir vorgenommen habe". Bevor sie auf der FH zu studieren begonnen hat, hat sie an der Wirtschafts-Uni Wien einige Kurse belegt. Die Aussicht auf praxisnahe Ausbildung inklusive zweier Auslandssemester habe sie dann schließlich nach Krems gelockt.

Networking ist für sie das Um und Auf. In den USA werde das "schon nahezu professionell betrieben", merkt sie an. Zu den Kontaktleuten zählen für sie nicht nur Arbeitskollegen, sondern auch Professoren und Mitstudenten.

Marx findet, dass FHs "eine tolle Möglichkeit sind, bereits am Anfang des Studiums in einem Interessengebiet Experte zu werden und nahtlos in den Beruf einzusteigen". Sozusagen "ein ,Fast Track' gegenüber einem fundierten Uni-Studium". (mil/ DER FACHHOCHSCHUL-STANDARD, Printausgabe, 29.4./30.4./1.5.2006)

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