Der Traum ein Leben ein Albtraum

2. Mai 2006, 17:06
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Thee Silver Mt. Zion Memorial Orchestra & Tra-La-La Band wird das donaufestival mit herzzerreißenden Klagegesängen zwischen Kammermusik und Hardcore beenden

Korneuburg – Das nicht ganz schlank Thee Silver Mt. Zion Memorial Orchestra & Tra-La- La Band genannte Musikerkollektiv aus Kanada versuchte 2005 auf dem Album Horses In The Sky gleich an mehreren Fronten, zeitgenössischer Musik Relevanz abzuringen.

Immerhin umkreisen die sechs bis sieben Musiker und Musikerinnen in langen sinfonischen Song-Kompositionen nicht nur das Problem, "Musik für eine Zeit zu definieren, die Sinfonie, also Zusammenklang nicht mehr zulässt", wie der deutsche Kulturphilosoph, Pop-Theoretiker und Testcard-Herausgeber Roger Behrens über das Silver Mt. Zion Memorial Orchestra in der Publikation Streifzüge anmerkt. Auch der Nutzen und Sinn politischer Kunst als möglicherweise bloß einem weiteren Instrument der gesellschaftlichen Ablenkung und Zerstreuung wird hier von den Musikern selbst immer gleich mitthematisiert.

Wir hören eine schrecklich schöne Mischung aus Postrock und melancholisch aufgeladener Kammermusik. Diese ortet am Ende in den naturromantischen Klängen der Streichinstrumente gleichzeitig den Schrecken, mit dem all dieser Schönklang zu überdecken versucht, was seit der Entdeckung der Blauen Blume in dieser Welt auch immer mit so genannten Kulturtechniken angerichtet wurde. Schließlich bewegt sich das Silver Mt. Zion Memorial Orchestra auf der Suche nach Erlösung ganz tief in Albträume unser aller Entfremdung.

Der verklärende Schleier zerreißt, harsch brechen sich Schlagzeug und E-Gitarre ihre Bahn hin zu Punk und Hardcore. Eine Geige nimmt noch schnell eine Klezmer-Melodie mit, Anleihen an minimalistische Musik sind ebenso zu hören wie herzzerreißende A- cappella-Gesänge und eine gebrochene Männerstimme, die im Stück God Bless Our Dead Marines über einen elektrischen Stuhl die Engel nach Hause jagt. Am Ende gelangt man zu großen, erhabenen Trauermärschen, die die Gewissheit um die Vergeblichkeit allen Wollens ebenso beklagen wie auch gleichzeitig – einmal noch! – Hoffnung geben. Der Silver Mt. Zion als letztes Schlachtfeld der Postmoderne. Die Band entstand 1999 als Nebenprojekt der ungleich populäreren kammermusikalischen und sich selbst nicht nur im musikalischen Sinn anarchistisch definierenden Gruppe Godspeed You! Black Emperor in Montreal.

Sie veröffentlicht auf dem durchgängig empfehlenswerten Label Constellation Records. Ein Refugium für durchwegs empfehlenswerte musikalisch und politisch gleichgesinnte Acts wie Fly Pan Am, Do Make Say Think, Hangedup, Black Box Orkestar, Polmo Polpo oder Elizabeth Anka Vajagic, die sich ohne Managements im Hintergrund mit ihrer linksgesinnten Kammermusik eher in autonomen Jugendzentren als im klassischen Konzertbereich definieren.

Am Ende des Silver-Mt.- Zion-Albums Horses In The Sky fährt das sich jeglichen hierarchischen Strukturen zumindest außerhalb ihrer Songs verweigernde Orchester noch einmal schwere sinfonische Geschütze auf. Das anfangs als Variation eines alten Kirchenliedes startende wie an einen Song von Bob Dylan erinnernde Ring The Bells (Freedom Has Come And Gone) erhebt sich zwischen Geräusch und Hymne.

Es täuscht kurz die Idee einer zumindest künstlerischen Erlösung im Schönklang an, um nach 14 Minuten in reiner Kakofonie und dem Feedbacklärm der Gitarren zu enden: "the horror, the horror". Ein abrupter Bandstopp zerstört schließlich auch noch den letzten Rettungsanker bezüglich einer schönen Leich'.

In dieser düsteren Welt kann und darf das Ende nicht einen neuen Anfang bedeuten. Aus meint: Schluss!

Die Alben von Thee Silver Mt. Zion Memorial Orchestra & Tra-La-La Band, Godspeed You! Black Emperor und allen oben erwähnten Bands sind in Österreich exklusiv über den Vertrieb Trost erhältlich. (SPEZIAL, DER STANDARD, Printausgabe, 3.5.2006)

Von Christian Schachinger
  • Thee Silver Mt. Zion Memorial Orchestra & Tra-La-La Band Sa, 6. 5., 20 UhrDie Werft, Korneuburg
    foto: donaufestival

    Thee Silver Mt. Zion Memorial Orchestra & Tra-La-La Band

    Sa, 6. 5., 20 Uhr
    Die Werft, Korneuburg

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