Neuer Fokus für die AHS

23. Juni 2006, 15:35
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Praxisorientierte Fachhochschulen als modernes Beispiel - Ein Kommentar der anderen

Auf die Frage, warum man denn zur Schule gehen müsse, wird gerne salopp geantwortet, dass man dort für das Leben lerne. Nichts scheint angesichts der Schulrealität der Wahrheit ferner zu liegen als dieser Satz.

Jeder Lehrer, der bereits einmal Luft in der Privatwirtschaft geschnuppert hat (was leider selten der Fall ist), gerät in Argumentationsnotstand, wenn er seinen SchülerInnen erklären soll, was dieser oder jener Unterrichtsstoff mit dem tatsächlichen Leben, insbesondere der beruflichen Praxis, zu tun habe. Die traditionelle Reproduktion von Wissen hat mit den gegenwärtigen Anforderungen der Arbeitswelt wenig zu tun.

Gefragt ist ein moderner Unterricht, der entsprechende praxisnahe Kompetenzen vermitteln kann. Doch wie soll dieser moderne Unterricht aussehen und wie kann dieser Idealtypus realisiert werden? Moderner Unterricht hat nicht nur auf die gesellschaftspolitischen Fragestellungen der Zeit, sondern darüber hinaus auch auf deren komplexe wirtschaftliche Situation einzugehen; auf eine Gegenwart also, die vom Rückgang staatlichen Einflusses geprägt und durch einen enormen Machtzuwachs des Privatsektors gekennzeichnet ist. Die Konkurrenzfähigkeit der Absolventen ist in diesem Umfeld wichtiger denn je geworden. Entsprechend muss auch der Fokus der Ausbildung an Österreichs AHS neu justiert werden. Hier ist das Vorbild Fachhochschule für diese Schulform nahe liegend.

Die FH mit ihrem starken Fokus auf Praxisorientierung kann für sie ein modernes Beispiel liefern. Natürlich ist auch weiterhin eine breite Bildung an den AHS, die geistes-und naturwissenschaftliche Fächer umfasst, gefragt - aber in einem neu zu definierenden Rahmen.

Eine Erfolg versprechende Methode modernen Unterrichts ist mit Sicherheit der Projektunterricht. Dieser hat zum Ziel, die Schule in Kooperation mit der Wirtschaft und dem Kulturbetrieb nach außen zu öffnen. Dabei ist der Umgang mit künftigen Arbeitgebern ein wichtiges Element. Die Schüler werden in selbstverantwortlichem, produktorientiertem Unterricht mit den Arbeitsmethoden des Berufslebens vertraut gemacht.

Die Wissenschaftsagentur Transfer - ein junges Team engagierter Geisteswissenschafter mit pädagogischem Hintergrund - hat sich der praktischen Umsetzung dieser modernen Unterrichtsmethode angenommen. Gegenwärtig realisiert Transfer gemeinsam mit dem Polgargymnasium, einer Vorzeigeschule im Bereich Projektunterricht, und mit Siemens Österreich ein fächerübergreifendes Projekt zum Thema "Computerspiele im Unterricht".

Bei dieser Form der Kooperation fungiert Transfer als externer Spezialist. Ziel ist die Umsetzung einer gemeinsamen Idee von Wirtschaft und Schule in praxisorientiertem Unterricht. Der Transformationsprozess der AHS steckt gerade erst in den Kinderschuhen.

Da budgetäre und personelle Engpässe an den Schulen diesen Prozess eher verlangsamen denn beschleunigen, ist es an Kooperationen und externen Spezialisten gelegen, diese Neuorientierung zu stützen.

Dadurch wird dem Satz "Für das Leben, nicht für die Schule lernen wir!" neues Leben eingehaucht. (DER FACHHOCHSCHUL-STANDARD, Printausgabe, 29./30.4/1.5.2006)

Von Günter Huemer und Erich Pöltner
    <p>Erich Pöltner (links) ist Eigentümer von Transfer, Agentur für Wissenschaft, Bildung und Kommunikation, Günter Huemer unterrichtet Deutsch und Geschichte an einer AHS in Wien. </p>
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