Österreicher als "industrielle Reservearmee" der Deutschen

23. Juni 2006, 15:35
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Deutsche schätzen hohe fachliche Praxis - Immer mehr Österreicher an deutschen Fachhochschulen

Die deutsche Wirtschaft blickt wohlwollend auf die österreichischen Fachhochschulen. Besonders geschätzt wird die hohe fachliche Praxis. Aber es zieht nicht nur Absolventen ins Nachbarland. Auch immer mehr Österreicher besuchen eine deutsche Fachhochschule.

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1994, als in Österreich die erste Fachhochschule an den Start ging, gab es im Nachbarland schon fast so etwas wie eine Tradition. In Deutschland wurden die ersten Fachhochschulen in den 70er-Jahren gegründet. "Wir haben die Österreicher beim Aufbau ihres Systems gerne beraten, daher gibt es hohe Analogien", sagt Annette Eickmeyer-Hehn vom deutschen Bildungs- und Forschungsministerium. Obwohl die deutsche FH-Landschaft breit gefächert ist, schaut man gerne auf die österreichische.

"Deutschland sieht in den Österreichern eine industrielle Reservearmee", sagt Ernst Primosch, gebürtiger Österreicher und Sprecher des deutschen Henkel-Konzerns, zum STANDARD. "Fachhochschulen in Österreich haben zwar noch keine so lange Tradition, aber sie sind gut eingespielt und Garant für eine gute Ausbildung." Herrsche in Deutschland Mangel an Fachkräften, so geht "der erste Blick sofort nach Österreich", so Primosch. Sein Wunsch an die Lehrplangestaltung von Fachhochschulen: "Es müsste bei den Vortragenden internationaler werden, Österreich sollte mehr über die eigenen Grenzen hinweg sehen." Unter den 15.000 Mitarbeitern von Henkel in Deutschland sind übrigens auch einige hundert Österreicher.

Der Bundesverband der deutschen Arbeitgeber (BDA) ist von den Ösis ebenfalls recht angetan. "Alle Rückmeldungen, die wir aus den Unternehmen erhalten, sind rundweg positiv", sagt Christoph Anz. Als besonderer Pluspunkt werde "die Kombination aus der fachlich-wissenschaftlichen Ausbildung und der hohen Praxisnähe" gewertet. In deutschen Unternehmen seien unter den Absolventen österreichischer Fachhochschulen vor allem die Ingenieure sehr gefragt.

"Österreich hat zurzeit überhaupt einen guten Ruf in Deutschland", sagt auch Axel Plünnecke vom Institut der deutschen Wirtschaft in Köln und erklärt, warum viele Unternehmen in Deutschland lieber Österreicher als Amerikaner einstellen: "In den USA gibt es zwar Elite-Universitäten, aber auch viel Mittelmaß. Die Qualität der Fachhochschul-Ausbildung in Österreich ist höher."

Plünnecke hat sich auch mit den Karrierechancen von Fachhochschulabsolventen beschäftigt und festgestellt: Treten sie in den öffentlichen Dienst ein, werden sie finanziell schlechter eingestuft als Absolventen von Universitäten. In der Privatwirtschaft seien die Chancen jedoch gleich gut. Plünnecke: "Das Anfangsgehalt für Fachhochschulabsolventen ist öfter sogar höher, denn sie bringen Praxiserfahrung mit, die Berufsanfängern von der Universität oft noch fehlt."

Dass eine gute Ausbildung das Risiko von Arbeitslosigkeit senkt, belegt das Institut für Arbeitsmarkt- und Berufsforschung der Bundesagentur für Arbeit in Nürnberg (IAB) anhand seiner Statistiken. Seit 1975 ist die Zahl der Arbeitslosen in Deutschland kräftig angestiegen. Derzeit sind fast fünf Millionen Arbeitslose bei der BA gemeldet, die Arbeitslosenquote in Deutschland beträgt zwölf Prozent - in Westdeutschland 10,1 und im Osten 19,3 Prozent. Bei Absolventen von Universitäten und Fachhochschulen liegt die Arbeitslosigkeit hingegen seit 30 Jahren im Westen konstant bei 3,5 Prozent, im Ostdeutschland bei sechs Prozent. Das ist die niedrigste Erwerbslosenquote aller Berufsgruppen.

Recht & Wirtschaft

Die deutschen Fachhochschulen werden auch bei Österreichern immer beliebter. Seit dem Jahr 1999 steigt die Zahl der Studenten kontinuierlich. 1999 waren 1015 Österreicher an FHs im Nachbarland eingeschrieben, 2004 waren es 1666. Drei Viertel davon sind Männer.

Auch die Verteilung auf die diversen Studienfächer listet das Statistische Bundesamt in Wiesbaden genau auf: Es dominieren mit 805 Studenten die Rechts-, Wirtschafts- und Sozialwissenschaften, danach folgen Ingenieurswissenschaften (494) sowie Mathematik und Naturwissenschaften (232). Schwächer belegt sind die Fächer Kunst, Sprache und Kultur sowie Agrar-und Ernährungswissenschaft. (DER FACHHOCHSCHUL-STANDARD, Printausgabe, 29./30.4/1.5.2006)

Von Birgit Baumann aus Berlin

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