Faust aufs Auge

    9. Mai 2006, 16:02
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    Eine doppeldeutige Redewendung

    Aus dem Parlament erreicht mich ein Mail der Frau Abgeordneten M., welche die Leser auf eine interessante Sprachunsicherheit hinweist: "Was bedeutet eigentlich 'Das passt wie die Faust aufs Auge'? Ich persönlich war immer der Meinung, diese Redewendung bedeute, dass etwas absolut nicht zusammenpasst, weil doch eine Faust wirklich nicht auf ein Auge gehört. Nun musste ich aber erfahren, dass für andere Menschen die Redewendung genau das Gegenteil bedeutet: Die Form einer Faust passe genau in die Vertiefung des Auges. Sie meinen, dass 'Wie die Faust aufs Auge' bedeute, dass etwas sehr gut zusammen passt.

    Ich mache mir ernstliche Sorgen, welche Folgen diese gegenteilige Interpretation bei der Partnervermittlung hat. Vielleicht hat sie auch schon Generationen überdauernde Fehden verursacht, ganz zu schweigen von einem Gespräch zwischen zwei Nuklearforschern: Wenn der eine meint, ein bestimmtes Brennelement passe für einen bestimmten Reaktor 'wie die Faust aufs Auge', kann das zu einem Supergau führen!"

    Der merkwürdige Doppelsinn dieser Redewendung ist sowohl ihrem Chronisten als auch dem "Duden" bekannt, der sie als "umgangsprachlich" bezeichnet und meint, dass sie "überhaupt nicht passen" ebenso bedeuten kann wie "genau passen". Ich kann es nicht belegen, vermute aber stark, dass die ursprüngliche Bedeutung das Nichtpassen war, welche dann aggressiv in ihr Gegenteil umdeutet wurde. Im Sinne von "Nichtpassen" kommt die Redewendung bereits bei Luther vor: "Es reimt, wie ein Faust auf ein Auge" (2. Moses). Bei Abraham a Santa Clara heißt es: "Ein guter Soldat muss sich reimen sich wie die Faust auff ein Aug." In Lutz Röhrichs "Großem Wörterbuch der sprichwörtlichen Redensarten", dem diese beiden Zitate entnommen sind, findet sich auch noch das hübsche finnische Idiom "Das passt wie der Sattel auf das Schwein."

    Vielleicht fühlt sich der eine oder andere Leser berufen mitzuteilen, a) wie er die "Faust aufs Auge" versteht, oder b) ob er noch die eine oder andere nette Redewendung in petto hat, mit der er das Passen oder Nichtpassen ausdrückt.

    Von
    Christoph Winder

    Winders Wörterbuch zur Gegenwart ist ein Work in Progress.

    Zweckdienliche Hinweise auf bemerkens- und erörternswerte Wörter sind erbeten an
    christoph.winder@
    derStandard.at
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