Das Internet wird zum Betriebssystem

11. Mai 2006, 13:54
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Ajax der neue Hype? - Selbst klassische Programme wie Textverarbeitung gibt es inzwischen als "Web-Anwendung"

Vor zehn Jahren bestand das World Wide Web aus statischen Seiten mit Text und Bildern. Vor fünf Jahren kamen immer mehr "dynamische" Web-Seiten hinzu, auf denen die Besucher Informationen aus Datenbanken abrufen konnten. In diesem Jahr nun wird das World Wide Web immer mehr zu einem Ort für die Nutzung von Software jeder Art. Das Internet wird zu einer Art Betriebssystem, das grundlegende Funktionen für beliebige Anwendungen bereitstellt.

Selbst klassische Computerprogramme gibt es inzwischen als "Web-Anwendung".

Der Browser startet Programme für E-Mails, für die Verwaltung von Urlaubsfotos, für die Beobachtung von Aktienkursen oder zur Verwaltung von Terminen. Selbst klassische Computerprogramme wie Textverarbeitung und Tabellenkalkulation gibt es inzwischen als "Web-Anwendung". Die damit erstellten Dokumente werden ebenfalls im Internet gespeichert und können im Unterschied zum Schreibtisch-PC von jedem Ort der Welt aus abgerufen werden.

"Asynchronous JavaScript and XML"

Möglich wird die Flut von Web-Anwendungen durch eine neuartige Kombination von bereits länger bekannten Techniken, die als Ajax bezeichnet wird: Mit "Asynchronous JavaScript and XML" wird es möglich, dass nur noch bestimmte Teile einer Web-Seite zum Browser übertragen werden. Im Bruchteil einer Sekunde kann der Internet-Nutzer auf diese Weise Änderungen im Erscheinungsbild der Web-Seite bewirken, für die bisher stets die quälend langsame Übertragung der kompletten Seite erforderlich war.

"Ajax verlagert einige Aktivitäten vom Server auf den Client"

"Für den Privatanwender bringt das mehr Interaktivität ins Web", erklärt der Microsoft-Software-Experte Dirk Primbs. "Ajax verlagert einige Aktivitäten vom Server auf den Client, was bedeutet, dass Web-Seiten sich deutlich interaktiver verhalten können." Microsoft gehörte Ende der 90er Jahre zu den Pionieren dieser Art von Web-Design und hat die Technik für die Online-Ausführung seines E-Mail-Programms Outlook genutzt. Inzwischen gibt es innerhalb der Software-Plattform .NET eine eigene Ajax-Umsetzung von Microsoft mit der Bezeichnung Atlas. In seinem neuen Web-Portal live.com bastelt der Software-Marktführer gerade an seinem Angebot für das «Web 2.0», wie der Zukunftstrend in der Internet-Community gern genannt wird.

Kein vollständiger Ersatz

Allerdings könnte Ajax auch das bisherige Geschäftsmodell von Microsoft gefährden. "Es begünstigt eindeutig eine Microsoft-Ausstiegsstrategie", sagt der Produktmanager der Softwarefirma eBusiness Applications, Alexei White. "Ich denke nicht, dass es ein vollständiger Ersatz sein kann. Aber man kann damit abgespeckte Alternativen zu den meisten Office-Anwendungen bereitstellen, die für einige Anwender ausreichend sind."

Ajax wurde zum "Hype", und die Entwicklung ist noch längst nicht abgeschlossen.

Zuletzt verging kaum ein Monat, in dem das Internet-Unternehmen Google nicht eine neue Web-Anwendung vorgestellt hat - zuletzt war das der Online-Terminplaner Google Calendar. Von entscheidender Bedeutung aber war Google Maps, ein Landkartendienst, der die Position von Orten anzeigt und mit Internet-Daten verknüpft. Zehn Tage nach dem Start von Google Maps prägte Jesse James Garrett von der Firma Adaptive Path im Februar 2005 den Begriff Ajax. Der Erfolg von Google Maps brachte viele Web-Entwickler dazu, sich mit den technischen Grundlagen dieser Art von Anwendung zu beschäftigen. "Jeder fragte sich: Oh, wie haben sie das bloß gemacht", sagt Steve Yen, dessen Firma eine Web-Software für Tabellenkalkulation namens Num Sum entwickelt hat. Ajax wurde zum "Hype", und die Entwicklung ist noch längst nicht abgeschlossen.

"Bye bye Microsoft Word"

Der Ajax-Programmierer Michael Robertson, einst führender Kopf der MP3-Pioniere mit dem Portal mp3.com, bastelt zurzeit eifrig an Web-Programmen für Office-Anwendungen. Unter der Überschrift "Bye bye Microsoft Word" schrieb er in seinem Blog: "Mein Plan ist es, überladene teure PC-Software durch ein System zu ersetzen, das Software dynamisch auf den Computer lädt, wenn sie gebraucht wird, und das völlig kostenlos." Dabei wird es gleichgültig, unter welchem Betriebssystem der Computer läuft - ob Windows, Linux oder Mac. Letztlich wird so das Internet im Browser zu einer Art Betriebssystem.

AjaxOS beruht auf einer Linux-Distribution

Kürzlich hat Robertson sogar ein spezielles Ajax-Betriebssystem angekündigt: AjaxOS beruht auf einer Linux-Distribution, dem auf Debian aufbauenden Linspire, und soll die direkte Dateiverwaltung auf dem Server unterstützen: Das heißt, Dateien sollen auf dem Web-Server ebenso einfach geöffnet und gespeichert werden können wie auf dem PC.

Deutlich zu spüren sind die Fortschritte der Entwicklung bei neuen Web-Mail-Diensten wie dem von Yahoo. Bisher mussten die Formulareingaben für E-Mails zum Server geschickt werden. Dort wurden die Daten dann in eine neue Web-Seite eingefügt, die an den Browser zurückgeschickt wurde. Mit der neuen Ajax-Anwendung werden die Seiten für die Web-Mail-Anwendung nicht jedes Mal neu geladen, sondern nur die jeweils neuen Informationen über das HTTP-Protokoll der Internet-Datenverbindung hin und her geschickt.

"Web-Anwendungen haben noch einen weiten Weg vor sich."

Scott Guthrie, der bei Microsoft für das Atlas-Projekt zuständig ist, betrachtet die Auswirkungen auf die traditionelle Software-Entwicklung gelassen: "Wenn man man ein Textdokument oder eine sehr umfangreiche Tabelle anlegen will, werden Fähigkeiten erwartet, die heute nur sehr schwer über das Web bereitgestellt werden können." Anwendungen mit hohen Anforderungen an den Prozessor wie die Bildbearbeitungssoftware Photoshop oder Computerspiele werden auf absehbare Zeit kaum auf den Browser umziehen können. Selbst Google hat für seine Maps-Anwendung eine gesondertes Programm zum Download und zur Installation entwickelt, um die 3-D-Darstellung und andere weitergehende Funktionen zu ermöglichen.

"Ajax kann nicht alles", sagt Bret Taylor, der bei Google für die Landkarten-Angebote zuständig ist. "Web-Anwendungen haben noch einen weiten Weg vor sich." (APA/dpa)

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    Das Netz wird neu gespannt

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