Die Atemnot des Goldfisches

1. Mai 2006, 20:42
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Madrider Schlachthaus­theater: Rodrigo García hat alles dabei: Körbe voll Kohlrabi, Steigen mit Jogurtbechern, Chips und Essiggurkenfässer

Krems - In puncto Erlebnisgastronomie kann man dem Madrider Schlachthaustheater des Rodrigo García (La Carnicería Teatro) nichts vormachen. Es hat alles dabei: Körbe voll Kohlrabi, Steigen mit Jogurtbechern, Chips und Essiggurkenfässer. Was auf der Bühne des Kremser Stadtsaales später zu einer Art Lebensmitteltennis führt, bei dem Konsumgüter unterschiedlichster Konsistenz im Daueraufschlag ins Spielfeld geworfen werden, sodass volle Tetrapaks beim Aufprall wirkungsvoll zerbersten, begann als professionelle Aktionismusübung:

Drei Darsteller, nackt bis auf die Unterhosen, wälzen sich wild in einer Lache aus Wein und Milch. Das stinkt, und das bleibt nicht die einzige Parallele, die man der spanischen Performancegruppe zu jenem Teil kunstgeschichtlichen Erbe Österreichs unterstellen könnte, den man im Untergeschoß des Mumok als Wiener Aktionismus verwahrt.

Beim Donaufestival gastierte das Schlachthaustheater jetzt erstmals in Österreich, und zwar mit Die Geschichte von Ronald, dem Clown von McDonals (Das "d" muss aus rechtlichen Gründen entfallen). Der 1965 in den Slums von Buenos Aires geborene García landete damit zufällig inmitten der hiesigen filmischen Diskurse um Ernährung und Konsum (We feed the world).

Seine Performance bleibt bei allen Manifestationen von Grausamkeit (einem Goldfisch wird im Glas das Wasser abgezapft - und erst spät im Überlebenskampf wieder aufgefüllt) aber eine Schlacht aus schwarzem Humor. Den semiologisch-ästhetischen Höhepunkt erreicht das sinnliche Ganze, als die Akteure auf ihre Körper gemalte Konzernlogos in choreografierten Figuren des Aneinanderpressens dem Nächsten aufprägen.

Als Sinnbild des Massenkonsums wird dann einem der drei Männer Essensmansch in den durch einen Zylinder aus Zeitungspapier verlängerten Hals geschüttet, bis es aus ihm herauspritschelt und er glucksend zu ersticken droht; im Hintergrund steht projiziert: "Erinnerst du dich an Pina Bausch, an Hiroshima, an Bob Wilson, an Auschwitz?" Nur mehr Metaübungen zur Performing Art.

García persifliert Momente künstlerischer Selbstverdauung. Mit seinen unmittelbaren Gewaltakten bemisst er die umgekehrte Atemnot des Goldfisches an uns selbst: als Aussichtslosigkeit im Kampf gegen die Würdelosigkeit im globalen Konsumzwang. Guter Mann, gute Truppe, eine unverdrießliche Kunst. (DER STANDARD, Printausgabe, 2.5.2006)

Von Margarete Affenzeller
  • Artikelbild
    foto: donaufestival/helmut lackinger
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