Gefühle im Darkroom: "Freiheit ist das Recht auf Lust"

12. Mai 2006, 19:44
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In der Slowakei sind Michal Hvoreckys Bücher Bestseller, mit dem Roman "City" gibt es ihn nun erstmals auf Deutsch - Ein Porträt

Porträt eines jungen Autors, der für eine Generation schreibt, die mehr am Bildschirm als in Büchern liest.


Wien - "Ich musste endlich von dieser Abhängigkeit loskommen. Also ging ich auf Reisen." Der Mythos vom Vagabundieren, das Dämonen abschütteln soll, wird auch unter den jungen Globetrottern von heute noch gern weitererzählt. Nur ist er für den Helden in Michal Hvoreckys Roman City. Der unwahrscheinlichste aller Orte schwierig einzulösen: Praktisch die ganze Welt hängt inzwischen am Netz.

Irvin Minsky ist internetsüchtig. Vor allem Pornoseiten haben es dem Fotografen, der schon lange nicht mehr selbst fotografiert, angetan. Bis zur totalen Erschöpfung betrachtet er Bilder und heruntergeladene Filme, sein Penis bleibt ihm dennoch seltsam fremd, anderen Menschen steht er sowieso fühllos gegenüber.

City, das in einer namenlosen, an Berlin erinnernden Großstadt spielt, liest sich flüssig und funktioniert doch auf mehreren Ebenen: als realistisch wirkende Schilderung der um sich greifenden Internetsucht, aber auch als ein an Houellebecq, Matrix und Konsorten geschulter Roman, in dem virtuelle Realitäten lang vom Eigentlichen ablenken.

"Internetsucht ist für mich nicht das Hauptthema des Buches", sagt sein Autor. "Es geht vor allem um die Suche nach Liebe in einer Welt ohne Liebe. Das Paar, Irvin und Lina, trifft sich in einem Darkroom, weil sie beide unfähig sind, normale menschliche Kommunikation zu führen."

Nike oder Nivea

In der Folge starten der Pornomaniac und die Sexkolumnistin unter dem Motto "Freiheit ist das Recht auf Lust" einen Kreuzzug für ein echteres Leben und gegen die Macht der Konzerne über die Individuen. In dem in naher Zukunft angesiedeltem Roman ist es nämlich bereits so weit gediehen, dass die meisten Menschen für ein kleines Salär Namen wie Nike oder Nivea tragen. Als Utopie will Hvorecky sein Szenario nicht verstanden wissen: "Der Roman spielt nicht wirklich in der Zukunft, sondern in einer parallelen Gegenwart. In dieser Welt ist alles wie heute, nur ein bisschen extremer. Als der neue Galeria Kaufhof in Leipzig eröffnet wurde, konnte man auch 500 Euro pro Jahr für sein Kind verdienen, wenn man es mit zweitem Namen Galeria nannte."

Beiläufig betrachtet könnte man City für eine weitere Variante jener halb verdauten antikonsumistischen Globalisierungskritik halten, wie sie Autoren wie Camille de Toledo (Goodbye Tristesse) zuletzt zuhauf veröffentlichten. Doch Hvoreckys Blickwinkel ist ein anderer, differenzierterer: "Diese Haltungen sind auch schon alle Klischees geworden. Außerdem gehören sie mehr in den Bereich der Ideologie als in den der Kunst."

Durchbruch mit "City"

Der 30-Jährige aus Bratislava hat in seiner Heimat bisher je zwei Romane und Erzählungen veröffentlicht. City blieb auf der Bestsellerliste nur hinter Harry Potter zurück, bedeutete für seinen Verfasser jedoch auch in ästhetischer Hinsicht einen Durchbruch: "Für meine vorherigen Bücher war starke Ironie typisch, aber die ist inzwischen Mainstream und Pop unerträglich. Ich wollte ernster schreiben."

Weil das Buch von ihm handelt? "Alles und gar nichts ist da autobiografisch", schmunzelt Michal Hvorecky, der den Turbokapitalismus als in Wendezeiten Aufgewachsener besonders intensiv am eigenen Leib erlebt hat. "Auf einmal war alles erlaubt und zur Verfügung, was vorher verboten war: die Musik, die Drogen, die Bücher, die Reisefreiheit. Man hatte uns in der kommunistischen Schule gelehrt, niemals Fragen zu stellen. Plötzlich wussten wir so viel, ohne eine Antwort zu bekommen."

Als Autor sucht Hvorecky ganz altmodisch nach Antworten. Er sieht sich dabei in der Situation, für eine Generation nachdenken zu müssen, die eher daran gewohnt ist, am Bildschirm zu lesen, als ein Buch in die Hand zu nehmen - geschweige denn, eines zu schreiben. Wie die Flachbildschirm-Junkies versteht er es jedoch blendend, von einer Welt in die nächste zu hüpfen: "Ich bin gerne in der Oper und in einem HipHop-Klub, ich lese Comics und immer wieder James Joyce. Kultur ist für mich eine riesige, lebendige Databank, die man von verschiedensten Orten öffnen kann."

Hvorecky gelingt es ab und zu auch einmal, den Rechner abzudrehen. Seinem Helden bleibt am Ende nur das Formatieren der Festplatte. Und: Die Reise ans Ende der verkabelten Welt. (DER STANDARD, Printausgabe, 2.5.2006)

Von Sebastian Fasthuber


Tipp

Der Autor liest am Dienstag um 19.30 Uhr im Antiquariat Buch & Wein, 1040 Wien, Schäffergasse 11a, aus dem Buch.
  • Michal Hvorecky über seinen Roman "City": "Es geht vor allem um die Suche nach Liebe in einer Welt ohne Liebe."Michal Hvorecky: "City. Der unwahrscheinlichste aller Orte"Roman. Aus dem Slowakischen von Mirko Kraetsch.€ 20,40/280 Seiten. Tropen Verlag, Berlin 2006.
    buchcover: tropen verlag

    Michal Hvorecky über seinen Roman "City": "Es geht vor allem um die Suche nach Liebe in einer Welt ohne Liebe."

    Michal Hvorecky:
    "City. Der unwahrscheinlichste aller Orte"
    Roman. Aus dem Slowakischen von Mirko Kraetsch.
    € 20,40/280 Seiten. Tropen Verlag, Berlin 2006.

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