Fausto Bertinotti;; Präsident der Abgeordnetenkammer

18. Juli 2006, 14:48
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Kaschmir und Marx, Gandhi und Brecht

Er ist der einzige Kommunist, den Silvio Berlusconi nicht verachtet. Das hat nicht nur damit zu tun, dass Fausto Bertinotti ein glühender Tifoso von Berlusconis FC Milan ist. Dass der Parteichef der Rifondazione Comunista auch bei politischen Widersachern auf Wertschätzung stößt, liegt an seinen Umgangsformen. Von der Verteufelung politischer Gegner hat der 66-Jährige aus der Mailänder Arbeitervorstadt Sesto San Giovanni noch nie was gehalten.

Der stets elegant gekleidete Kommunist liebt Kaschmirpullover und gepflegten Umgang. Auch in hitzigen Debatten lässt er sich nie zu Pöbeleien hinreißen. Fausto Bertinotti ist eine schillernde Figur: belesen und rhetorisch gewandt, hartnäckig bis zur Ermüdung, Billardspieler und Theaterliebhaber, Klassenkämpfer und Pazifist. Der "Kommunist mit Marx und über Marx hinaus" ließ sich letzthin auf einer ausgedehnten China-Reise nicht davon abhalten, verarmten Bauern einen Streik gegen die Regierung zu empfehlen.

Das lederne Brillenetui um seinen Hals gehört ebenso zu seinem Erscheinungsbild wie die Toscanello-Zigarre im Mundwinkel. Auch in den Salotti der gehobenen Gesellschaft wird der Sohn eines sozialistischen Lokführers als anregender Gesprächspartner geschätzt. Bertinotti zeigt sich stets in Gesellschaft seiner Frau Lella, die er vor 40 Jahren "auch kirchlich" geheiratet hat - "aus Rücksicht auf die gläubige Schwiegermutter". Zu seinen Kultfiguren gehört Zapatistenführer Marcos, dem Bertinotti bei einem Treffen in Chiapas eine seltene Ausgabe des "Don Quichotte" schenkte. Seitdem trägt der Globalisierungsgegner den Beinamen Subcomandante Fausto.

Zu den Kommunisten stieß der Ingenieur auf Umwegen. Als ihm Craxis sozialistische Partei zu korrupt wurde, wechselte er zur KPI, und als diese Marx vor 15 Jahren über Bord warf, gründete er Rifondazione Comunista, die reformierten Kommunisten. Dogmen waren ihm immer zuwider. Seine Partei brachte den ersten Transsexuellen und die erste Schwarze ins Parlament. Berührungsängste sind ihm fremd: "Wir fühlen wie Juden und Christen, Muslime und Schwarze, Aborigines und Lesben." Bertinotti liebt den griechischen Dichter Konstantin Kavafis und Mahatma Gandhi, Bertolt Brecht und den Heiligen Paulus.

Seine Wahl zum neuen Kammerpräsidenten wurde von Abgeordneten aller Parteien beklatscht. "Wir alle sind parteilich", sagte der Kommunistenchef. "Aber lasst uns endlich Abschied nehmen vom Freund-Feind-Denken." Seine Wahl widmete er "den Arbeiterinnen und Arbeitern". In der Aufregung versprach sich Subcomandante Fausto sogar beim Namen des Staatspräsidenten. Seine Frau Lella wischte sich indes auf der Zuschauertribüne eine Träne aus dem Gesicht. (DER STANDARD, Printausgabe, 2.5.2006)

Von Gerhard Mumelter
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    Fausto Bertinotti

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