Reportage: Rote Zukunft, von unten gesehen

3. Mai 2006, 10:50
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Wie eine junge Frau, tatsächlich einfaches Parteimitglied der SPÖ, den 1. Mai im Lichte der Bawag- und ÖGB-Affäre sieht

Von der "Massenpartei" SPÖ ist um acht Uhr früh beim Sammelpunkt der SPÖ-Landstraße noch nicht viel zu sehen. Eher lose trottet das Grüppchen noch etwas verschlafener Sozialdemokraten den Maifeierlichkeiten am Rathausplatz entgegen. Die Stimmung ist gut, man begrüßt einander zumeist freudig und kann einmal auch den Partei-"Promis", etwa dem Wiener Kulturstadtrat Andreas Mailath-Pokorny oder dem ehemaligen Gesundheitsminister und Präsidentschaftskandidaten Kurt Steyrer kameradschaftlich auf die Schulter klopfen. Man ist unter sich, die Jungen gehören genauso dazu wie die Alten.

Mittendrin geht Angela Buchmayer, 30 Jahre jung, blond, zart, fröhlich und "von der Sache durch und durch überzeugt", wie sie sagt. Angela ist einfaches Partei- und JG-Mitglied, sie studiert "Bildnerische Erziehung" an der Akademie der bildenden Künste und will das später auch unterrichten. Ist sie deshalb bei der SPÖ, weil es besser ist, ein Parteibuch zu haben? "Aber wirklich nicht", sagt sie, "es gibt ja auch schwarze Schulen. Meine Überzeugung könnte da sogar schaden." Das wäre freilich erstaunlich im "Roten Wien".

Gut entwickelt

Jedenfalls ist Angela schon seit 1999 SPÖ-Mitglied, eine Freundin hat sie zur Partei gebracht. Damals machte sie gerade die Matura nach und freute sich über eine Förderung des "Wiener Arbeitnehmerinnenförderungsfonds" (Waff). Angela heute: "Das war mehr als die Niederösterreicher bekamen, da dachte ich mir, super, der SPÖ ist Bildung wirklich wichtig." Also ließ sich die geborene Weinviertlerin mit "tiefschwarzen Eltern" (Angela) von der SPÖ anwerben, obwohl sie "nicht unbedingt ein Fan von Viktor Klima" gewesen sei. Aber einerlei: "Es geht ja um's Programm, nicht um den Vorsitzenden." Am derzeitigen hat Angela übrigens rein gar nichts auszusetzen: "Alfred Gusenbauer hat mit der ,Startklar'-Tour Enormes geleistet." Und sie setzt fast mütterlich hinzu: "Er hat sich und die SPÖ stark entwickelt."

Der Landstraßer SPÖ-Zug ist mittlerweile bei der Oper angelangt und Angela beim Bawag-ÖGB-Desaster. "Natürlich" sei die ganze Angelegenheit schlimm, sagt sie, andererseits störe sie sehr, "dass alles vermischt wird". Die SPÖ könne nichts für die Verfehlungen, es sei gemein zu sagen, dass sie "nicht wirtschaften" könne: "Jene in der ÖVP, die sich auskennen, wissen, dass der Vorwurf lächerlich ist. Das war eher gedacht, die SPÖler zu demotivieren."

Motivation spürbar

Demotiviert wirken die SPÖ-Mitglieder beim Maiaufmarsch in Wien nicht. Von 120.000 Teilnehmern sprechen die Organisatoren, "deutlich mehr als im Vorjahr", brüllt es aus dem Lautsprecher entlang der Ringstraße. Der Marsch ist nun tatsächlich zur Massenbewegung geworden, aus allen Richtungen tönt Blasmusik, fast jeder Delegation schreitet eine Umtata-Gruppe voraus. Die Landstraßer haben gar Musiker aus der Slowakei gebucht. Nur der "Verband der Kurdischen Vereine" spielt Balkan-Pop, die Jungen kommen in Schwung, die Älteren schütteln dagegen die Köpfe.

Im letzten Jahr hatten die Landstraßer eine Samba-Combo verpflichtet, Angela gefiel das gut, "aber viele waren gar nicht einverstanden". Daher heuer wieder Blasmusik, auch in Ordnung, "das Individuum kann sich nicht immer durchsetzen", sagt Angela, das sei auch "wichtig für die Gesellschaft insgesamt". Mittlerweile hat sie sich warmgeredet. Zwischen Parlament und Rathausplatz stehen immer mehr Genossen, die den Vorbeiziehenden Zeitungen aufdrängen - mit Aufschriften wie: "ÖGB verteidigen heißt ÖGB reformieren." Angela wird wieder mit der Nase auf die aktuelle Krise in ihrer Bewegung gestoßen und wird beinahe heftig: "Der Bawag-Skandal ist Vergangenheit, das hat mit der heutigen SPÖ nichts mehr zu tun." Das "ständige Gejammere und Aufbauschen" befördere nur die Politikverdrossenheit der Jungen, die ohnehin "schwer zu motivieren" seien.

Gut geschult

Angela glaubt, das habe "mit den Studiengebühren zu tun und damit, dass jeder nur mehr schaut, dass er irgendwo einen Nebenjob bekommt". Da bleibe wenig Zeit für politisches Engagement - "und das ist ein Ergebnis der schwarz-blauen Bildungspolitik". Ein schöner Satz, wie ihn Gusenbauer selbst nicht besser hätte sagen können. Er steht auf der großen Tribüne auf dem Rathausplatz, als Angela unten vorbeigeht. Sie winkt hinauf, er winkt herunter. Findet sie dieses Ritual nicht komisch? "Nein, das hat Tradition. Und Tradition ist ja auch etwas Schönes." Das wiederum hätte Wolfgang Schüssel nicht besser sagen können. (Petra Stuiber, DER STANDARD, Print, 2.5.2006)

  • Angela Buchmayer ist 30 und geht "jetzt erst recht" aus Überzeugung mit.
    foto: standard/newald

    Angela Buchmayer ist 30 und geht "jetzt erst recht" aus Überzeugung mit.

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