Vom Winde verwöhnt

9. Mai 2006, 17:43
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Der Weltsegelverband wählte für die Austragung der WM erstmals einen See. Der Wind als Mythos bläst aus allen Richtungen durch das kulturelle Programm

Der vergangene Sommer war kurz und verregnet, der Winter lang und voller Schnee, und Koloman Watzek hat dabei das Herz im Leibe gelacht, wie sonst nur, wenn die Sonne scheint. Der Filmemacher hat sich nämlich auf ein ziemliches Abenteuer eingelassen: Er schupft die World Sailing Games 2006 auf dem Neusiedler See. Und da war im Hinterkopf natürlich immer die bange Vorstellung, der flache Steppensee könnte wieder einmal in den von der Natur vorgesehenen Zyklus kommen und austrocknen.

Jetzt, nach dem kurzen, verregneten Sommer und dem langen, schneereichen Winter, weiß Watzek freilich: Er kommt nicht. "Der See hat genug Wasser, die Spiele können beginnen."

Das tun sie am 10. Mai, wenn sich die surfenden Freestyler gerade von ihrem Podersdorfer "Summer Opening" und den dazugehörigen "Beach Parties" erholen. Und der See möchte sich da in jenem Gewand präsentieren, das ihm in den vergangenen zwei Ziel-1-Perioden angemessen worden ist. Nicht als biederes "Meer der Wiener", sondern als moderne, dem guten Wein und der sanften Bewegung zugeneigte Tourismusdestination im Zentrum einer neuen, allmählich zusammenwachsenden europäischen Region.

Dementsprechend hat Koloman Watzek die Segel-Weltmeisterschaft auch positioniert. "Das ist keine burgenländische oder österreichische Veranstaltung, sondern deklariert eine mitteleuropäische. Wir haben die World Sailing Games auch intensiv in der Slowakei und in Ungarn beworben und hoffen natürlich auf entsprechenden Besuch aus diesen Ländern."

Zehn Tage lang, bis zum 20. Mai, werden die weltbesten Segler sich um den Titel des Allerbesten streiten. In Breitenbrunn (Surfer), Neusiedl (Laser und 49er), Podersdorf (Katamaran), Rust (Teamsailing) und Weiden (470) gehen 819 Sportler aus 71 Nationen an den Start, erstmals nicht auf See, sondern auf einem See, was die Sache auch sportlich zu einer besonderen Herausforderung macht. Denn wer das Meer gewohnt ist, wird seine Zeit brauchen, den pannonischen Wind und die unangenehm kurzen Wellen richtig zu lesen.

Heimvorteil

Österreich, das sich zuletzt bei Olympia als eine Segelnation positionieren konnte, hat da natürlich einen logischen Heimvorteil. Immerhin steht in Neusiedl das Bundes-Leistungszentrum des Segelverbandes, wo nicht nur der Nachwuchs geschult, sondern auch die einschlägige Raffinesse der Stars geschult wird. Roman Hagara und Hans-Peter Steinacher, Doppel-Olympioniken auf dem Tornado, und Silbermedaillengewinner Andreas Geritzer segeln quasi daheim. Aber auch die größte Hoffnung bei den Damen, die Weltranglisten-Dritten Sylvia Vogl und Carolina Flatscher haben mit ihrem 470er den Neusiedler See gründlich erkundet. Wobei Vogl aber nicht wirklich von einem Heimvorteil sprechen will: "Es kommen ja die Besten der Welt, für die ist das kein Problem, sich auf die Bedingungen einzustellen." Zumal das Material zugelost wird, was für leidenschaftliche Segler insofern auch interessant sein könnte, weil die extra für die WM gefertigten Boote nach der Veranstaltung verkauft werden.

Verkaufen wollen die Verantwortlichen natürlich auch den See als Ganzes. Da ist diese Weltmeisterschaft eine Art Kick-off zum touristischen Programm für die nächste Förderperiode bis 2013. Landeshauptmann Hans Niessl, der den Neusiedler See "als den Sportsee Mitteleuropas" auf den Marktplatz schicken will, setzt seinem Tourismusdirektor Gerhard Gucher eine recht herausfordernde Marke: "Wir liegen jetzt bei rund 2,5 Millionen Nächtigungen. Bis 2013 sollen es drei Millionen sein." Trotz aller Investitionen in die Warmwasser-Hallenbäder wird das wohl nur gehen, wenn sich die Menschen für den Neusiedler See erwärmen lassen.

Trendregion

Was zurzeit durchaus so ausschaut. Wobei interessanter- oder logischerweise nicht die mit hochoffiziellem Pomp in Szene gesetzten Highlights das Kraut fett zu machen scheinen, sondern die kleinen, stillen Initiativen. Wie die im Neusiedler Strandbad, wo sie vor zwei Jahren ohne viel Aufhebens ein Lokal ins Wasser gestellt haben, das aufgrund gediegenster Führung und magyarischer Gastfreundlichkeit mittlerweile zu einem Wiener Kulttreff geworden ist. Statt auf die Donauinsel fährt man nach der Arbeit auf einen Rutscher in die Mole West, weil dort das Gefühl, in Italien zu sein, weitaus stärker ist als beim Griechen auf der Copa Kagrana, weshalb an manchen Tagen ohne Tischreservierung gar nichts mehr geht, wie sogar Bundeskanzler Wolfgang Schüssel unlängst hat erfahren müssen.

Unternehmen wie diese, betrieben von Unternehmern wie diesen, sind es, die den Neusiedler See in den vergangenen Jahren tatsächlich zu einer - wie sagt man: trendigen? - trendigen Region gemacht haben. In einem umgebauten Keller auf der Mönchshofer Sandhöhe verkaufen sie nicht nur Wein, sondern auch Italienisches. In Winden haben sie den uralten Heiligenkreuzer Keller zu einem Gourmet-Tempel wiederbelebt. In Neusiedl sind ein paar Unentwegte darangegangen, im "Weinwerk" der Provinz das Provinzielle auszutreiben. Und ebendort hat Fritz Tösch "am Nyikospark" sozusagen die demokratische Version des "Taubenkobels" ins Leben gerufen, und das nicht nur mit wirklich gutem Essen und Trinken, sondern auch mit der entsprechenden Inszenierung, zu der unter anderem Exkursionen zu den regionalen Lieferanten gehören, die sich tatsächlich sehen lassen können. Sogar in Dubai, wo der Seewinkler Erich Steckovic seinen, über den TV-Sender arte verbreiteten Ruf als "Kaiser der Paradeiser" im Wüstensand auf die Probe stellt.

Das alles soll bei der Segel-WM naturgemäß mitspielen. Ein entsprechendes Rahmenprogramm will die Windfreaks ins Hinterland locken, und seien es nur, wie in Neusiedl, ein paar Schritte zum Sandskulpturenfestival. Wer sich aber wirklich für den pannonischen See interessiert, wird sich nach Breitenbrunn begeben, wo sich eine Ausstellung dem Thema Schilf annimmt. Oder ins Kittseer Schloss, wo das Ethnografische Museum eine Schau unterm Titel "Wind - Mythos und Antriebskraft" zeigt.

Anschauungsunterricht gibt's zwischen Neusiedl und Nickelsdorf reichlich: Denn hier steht - in Form eines Waldes - Mitteleuropas größter Windpark. (Der Standard, Printausgabe 29./30.4./1.5.2006)

Von Wolfgang Weisgram

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Neusiedler See
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    ntg-mike ranz/neusiedler see
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