"Happy Slapping" der Gewalttäter

2. Mai 2006, 13:39
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Neuer Höhepunkt jugendlicher Gewalt in Frankreich: Ein Schüler prügelt auf eine Lehrerin ein, sein Kollege filmt es mit dem Handy

So unscharf und verwackelt die Bilder sind, ist der Tathergang doch klar: Eine Lehrerin schreibt an der Wandtafel, als sich ein Schüler nähert. Er ergreift einen Stuhl und schlägt ihn ihr gegen den Rücken. Die Frau strauchelt, fängt sich aber wieder – um mit Faustschlägen traktiert zu werden.

Als sie zu fliehen versucht, stellt ihr der Schüler ein Bein; sie fällt hin. Wieder prasseln die Schläge auf sie nieder. Erst danach entkommt die Frau. Auf dem 15 Sekunden langen Handyfilm kommen ein paar Arme ins Blickfeld und leisten ihr Unterstützung. Es sind andere Schüler der Klasse, die, erst jetzt aus der Erstarrung erwacht und zu einer Reaktion fähig, ihrer Lehrerin zu Hilfe geeilt sind.

Schock

Die meisten Augenzeugen aus der Mittelschulklasse in Porcheville, einem westlichen Vorort von Paris, waren diese Woche ebenso schockiert wie die 34-jährige Lehrerin. Sie kam ohne schwerere Verletzungen davon und reichte Klage gegen den 18-jährigen Täter ein. Und gegen jenen Schüler, der die „Action“ mit seinem Mobiltelefon filmte und in einer maghrebinischen Banlieue- Siedlung weiterverbreitete. Dort wohnen die beiden Täter – wie auch die Mehrheit der Klasse.

"Vorsätzliche Tat"

Das Schulrektorat gab nur bekannt, es handle sich um eine „vorsätzliche“ Tat, da der Gewalttäter seinem filmenden Kumpel angekündigt hatte, er wolle sich die Lehrerin vorknöpfen. Warum? „Sie geht mir auf den Wecker“, gab er später auf der Polizeiwache als Tatmotiv an.

Kein Einzelfall

Die Wogen der Entrüstung gehen in Frankreich hoch. Erst kürzlich war eine Lehrerin im Großraum Paris während des Unterrichts mit sieben Messerstichen verletzt worden – kein Einzelfall: Im vergangenen Jahr wurden in Frankreich 129 Lehrerinnen oder Lehrer mit Knüppeln, Messern oder eben Stühlen angegriffen; dazu kommen mehr als 1000 weitere körperliche Aggressionen und 600 Beschädigungen von Lehrerautos.

Und natürlich kommen auch Mitschüler dran; im Unterricht, auf dem Pausenplatz oder bei den jüngsten Sozialprotesten sogar während Demonstrationen, als ihnen Minderjährige die Handys, iPods oder Brieftaschen auf häufig brutale Weise entrissen. Wie erst diese Woche im Zuge der Aggression in Porcheville bekannt wurde, hatten Schüler eine 14-jährige Kameradin in Nizza in der Gruppe vergewaltigt und das Ganze ebenfalls gefilmt.

Kritik an Regierung

Viele Schulleiter sind täglich konfrontiert mit dem in Großbritannien aufgekommenen Unsinn des „happy slapping“, des Ohrfeigens unbekannter Passanten oder Mitschüler bei gleichzeitigem Fotografieren mit dem Mobiltelefon. Dass jetzt auch eigentliche Gewalttaten gefilmt werden, lässt die Behörden hilfund zum Teil sprachlos zurück. Die sozialistische Partei warf der Regierung vor, sie unterschätze die Wirkung der Bilder auf die Banlieue-Jugend, die sich auch von den Folterbildern aus dem irakischen Gefängnis Abu Ghraib hätten inspirieren lassen. Auf diese Kritik hin wurde der Täter inhaftiert. Anfangs sollte er bis zu seinem Prozess auf freiem Fuß belassen werden. Sein filmender Kollege ist auf der Flucht.

Bildungsminister Gilles de Robien will Polizisten in einzelnen Mittelschulen stationieren. Die Lehrergewerkschaft FSU entgegnet, nötig seien nicht Polizisten, sondern zusätzliche Hilfskräfte in schwierigen Klassen. (Stefan Brändle, DER STANDARD Printausgabe, 29./30.04./01.05.2006)

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    'foto: reuters
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