TV und Web: Zarte Bande

24. Mai 2006, 14:14
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Fernsehen im Internet wird immer beliebter. TV-Sender haben damit ihre liebe Not, planen aber ihren zukünftigen Auftritt im Netz

Die echten Innovationen finden im Internet statt. Nehmen wir zum Beispiel das "motorisierte Gelände-Skateboard": Ein Bügelbrett mit aufgesetztem Motor gleitet behände über Stock und Stein. Nur die Stürze müsse man sich dazu vorstellen, erklärt die Moderatorin des Web-TV-Senders "Ehrensenf".

"Ehrensenf" besteht nicht nur aus denselben Buchstaben wie "Fernsehen", sondern arbeitet auch mit ähnlichen Ingredienzien wie der große Bruder: Eine Moderatorin berichtet von wichtigen Ereignissen des Tages, nichts ist frei erfunden, aber alles bis ins Absurde überspitzt.

Das ambitionierte Projekt heimste bereits zahlreiche Preise ein, "viel Hingabe für ein TV-Projekt", lobte zuletzt die Welt.

"Medialen Quantensprung"

Der Skateboard-Bericht scheint symptomatisch für die Parallelwirklichkeit im Web-TV: Anknüpfungspunkte mit "draußen" sind zwar vorhanden, im Großen und Ganzen geht man aber eigene Wege.

Vom "medialen Quantensprung", schwärmt in dem Zusammenhang der "Spiegel". Studien prophezeien Internet-Fernsehen eine große Zukunft. Bis Ende 2006 sollen bis zu 3,3 Millionen westeuropäische Haushalte so genanntes IP-Fernsehen (Television via Internet Protocol) empfangen können, bis 2010 gar rund 17 Millionen.

Die TV-Sender haben damit ihre liebe Not. Sie sehen die Entwicklung, bangen um Marktanteile und damit um Werbeeinkünfte. Doch nur zögerlich beginnen sie darauf zu reagieren.

Junge bleiben weg

Vor Kurzem ließ der US-Sender ABC aufhorchen: Einen Tag nach der Ausstrahlung sind Erfolgsserien wie "Desperate Housewives" oder "Lost" gratis im Netz verfügbar. Nicht zum Download, versteht sich: Zu sehen ist lediglich ein wackeliger Videostream, in Zeiten von HDTV nur für Liebhaber eine Alternative. Dass sich dennoch immer mehr Zuschauer vom herkömmlichen Fernsehen ab-und dem Internet-TV zuwenden, darauf deuten Zahlen aus Deutschland: Während die durchschnittliche Nutzungsdauer im Fernsehen 2005 zwar insgesamt minimal anstieg, sank sie unter den Drei-bis 13-Jährigen leicht.

"Die Tendenz ist nicht zu leugnen, dass uns die Jungen wegbleiben, stimmt ARD-Sprecher Rudi Küffner zu. Das Dilemma: "Wir bemühen uns, jünger zu werden, dürfen aber die zahlenmäßig älteren Seher nicht vertreiben." Von IPTV ist er nicht begeistert, die ARD setze auf Handy-TV: "Das scheint uns wegen der Mobilität der jüngeren Generation zuerst der vernünftigere Weg."

Engere Web-Verknüpfungen

Engere Web-Verknüpfungen verspricht hingegen ORF-Online-Chef Ronald Schwärzler bereits für die "Starmania"-Staffel im Herbst. Zu sehen soll allerdings nicht die ganze Folge vom Vortag sein. "Wir überlegen, Szenen oder Auftritte ins Netz zu stellen." Noch seien allerdings Rechtefragen zu klären. Um einen möglichen Werbeentgang macht sich Schwärzler noch keine Sorgen: "Den Kreativen werden Möglichkeiten einfallen, diese Angebote letztlich auch zu vermarkten."

Über Kooperationen denkt ATV+ nach, im Gespräch seien Telekom oder Wien-Energie, berichtet ATV+-Mitarbeiter Peter Guderlei. Vorstellbar seien klassische Video-on-demand-Dienste ebenso wie ganze Sendungen via Internet. "Wir testen das Marktumfeld." (Doris Priesching/DER STANDARD; Printausgabe, 29.4./30.4./1.5.2006)

  • "Malcolm mittendrin" legal und gratis gefällig? Technisch ist Internet-TV kein Problem.
    foto: orf / montage: otto beigelbeck

    "Malcolm mittendrin" legal und gratis gefällig? Technisch ist Internet-TV kein Problem.

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