Heinz Gärtner im Interview: "Ohne Einigung kommt US-Alleingang"

5. Mai 2006, 12:08
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Einen Militärschlag gegen den Iran hält der Wiener Sicherheitsexperte zum jetzigen Zeitpunkt für verfrüht

STANDARD: Wie geht es nach dem ElBaradei-Bericht weiter?

Gärtner: Der Iran wird mit seiner Anreicherung fortfahren. Die USA werden versuchen, eine Resolution nach Kapitel VII der UN-Charta zumindest vorzuschlagen, in der Sanktionen vorgesehen sind, vorerst wahrscheinlich in allgemein gehaltener Form. Das heißt noch lange nicht, dass dies das Ende der Diplomatie ist. Eine Verschärfung ist aber sicherlich da: Jetzt muss sich der Sicherheitsrat damit beschäftigen. Und etwas tun.

STANDARD: Wie stehen die Chancen, sich im Sicherheitsrat auf eine Resolution zu einigen?

Gärtner: Ich schließe nicht aus, dass Russland und China an Bord kommen - mit etwas Geduld und einer etwas sanfteren Sprache, durch die sich nicht sofort ein Militärschlag herauslesen lässt. Russland und China werden ganz sicherlich versuchen, auf den Iran einzuwirken.

STANDARD: Könnte das Erfolg haben?

Gärtner: Das ist natürlich zweifelhaft. Der Iran hat schon sehr viele Möglichkeiten gehabt: Wirtschaftliche Anreize, die Urananreicherung außerhalb des Landes. Mir ist eigentlich nicht ganz einsichtig, warum der Iran sie - wenn es ihm tatsächlich nur um Energie geht - nicht angenommen hat. Es gibt nur zwei Möglichkeiten: Aus nationalem Stolz heraus oder er will wirklich ein Waffenprogramm entwickeln.

STANDARD: Was, wenn keine Resolution zustande kommt?

Gärtner: Wenn man sich nicht einigt, handeln die USA alleine, mit ein paar Europäern. Also: entweder Resolution oder Alleingang. Die Resolution kann auf sich warten lassen. Wenn aber Russland und China aus dem Spiel wären, dann wären militärische Sanktionen wahrscheinlich nicht weit.

Dann könnte es sehr schnell gehen.Wobei das gar nicht notwendig ist, dass man einen Militärschlag führt. Den kann man immer noch führen, wenn der Iran androht, die Bombe einzusetzen. Aber es sind ja noch einige Jahre hin, bis er wirklich waffenfähiges Nuklearmaterial hat. Insofern: Geduld zahlt sich da schon aus. Und selbst wenn der Iran die Bombe hat, ist er keine wirkliche Gefahr.

STANDARD: Warum?

Gärtner: Weil der Iran auch überleben will. Sollte er die Bombe einsetzen, etwa gegen Israel, dann muss er mit der Selbstvernichtung rechnen. Und gerade Regime wie der Iran wollen nicht vernichtet werden. Die Abschreckung funktioniert ja. (DER STANDARD, Printausgabe, 29./30.4./1.5.2006)

Das Gespräch führte Julia Raabe
  • Zur PersonHeinz Gärtner (55) ist Professor für Politikwissenschaft und forscht am Österreichischen Institut für Internationale Politik (OIIP) in Wien.
    foto: corn heribert

    Zur Person

    Heinz Gärtner (55) ist Professor für Politikwissenschaft und forscht am Österreichischen Institut für Internationale Politik (OIIP) in Wien.

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