Was uns Rudolf nicht zu sagen hat

14. Juli 2006, 18:35
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Kronprinz-Rudolf-Boom ist noch keiner ausgebrochen, doch der Fernsehfilm über den Sisi-Spross wirft Fragen nach dem Mann hinter der Figur auf

Die Historikerin und Robert-Dornhelm-Beraterin Brigitte Hamann gibt Antworten.

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Wien - Was Kronprinz Rudolfs Schicksal und Ende den Menschen von heute zu sagen habe? Brigitte Hamann muss über diese Frage nicht lange nachdenken: "Besonderen Anlass für eine Beschäftigung sehe ich nicht, außer dass Robert Dornhelm einen Film über Rudolf gedreht hat, den wir eigentlich schon vor 30 Jahren geplant hatten", erzählt die prominente Historikerin im STANDARD-Gespräch.

1978 - so Hamann - habe sie gerade ihre Dissertation über den 1858 geborenen, glücklosen Kaiserin-Sisi-Sohn abgeschlossen gehabt, der am 30. Jänner 1889 im niederösterreichischen Jagdhaus Mayerling zusammen mit Baronesse Mary Vetsera in den Tod ging. Dornhelm sei die als Buch veröffentlichte Arbeit in die Hände geraten, man habe sich im Kaffeehaus getroffen und Filmpläne gewälzt, aus denen damals jedoch nichts wurde.

Vor 30 Jahren hätten die politischen Utopien des Kronprinzen den Puls der Zeit noch präziser getroffen als heute, erläutert die Expertin. Die EG sei 1978 erst im Werden gewesen - eine späte Umsetzung der Visionen eines "liberalen, antiklerikalen vereinten Europa, wie es Rudolf gemeinsam mit dem Preußenkönig Friedrich III, Großbritanniens Herrscher Edward VII und dem späteren französischen Ministerpräsidenten Georges Clemenceau vorgeschwebt ist".

Heute hingegen sei mit der EU in großen Teilen Europas verwirklicht, was der "sensible, gebildete, mit dem Wiener Hof in Unfrieden stehende" Habsburg-Spross nicht habe umsetzen können. "Kaiserin Sisi hatte ihrem Sohn eine für die damaligen höfischen Traditionen äußerst moderne Erziehung angedeihen lassen, mit einer Parade österreichischer Intellektueller um 1870 als Lehrer", schildert Hamann. Die Folge: Je näher Rudolf als Erwachsener dem Thron zu kommen schien, umso ablehnender, ja feindlicher sei ihm der antiliberale Hof gegenüber gestanden.

Diesen zu verändern, das k.u.k.-Reich zu modernisieren - und damit vielleicht sogar den Ersten Weltkrieg und den Zerfall Alt-Österreichs abzuwenden - hätte der lebenslange Kaisernachfolger laut Hamann "wenn überhaupt, so in der frühen 1880er-Jahren die Chance gehabt". Nachdem in Preußen jedoch der bellizistische Kaiser Wilhelm II dem 1888 an Krebs gestorbenen Friedrich III nachgefolgt war, seien Krieg und Niedergang unvermeidbar gewesen.

Die letzten Jahren vor Mayerling habe Rudolf dann als "todkranker Mann" verbracht: "Er litt an einer schweren Geschlechtskrankheit, wahrscheinlich der Syphilis". Hamann spricht vom "Scheitern eines Kronprinzen als Ergebnis eines Lebens". (Irene Brickner/DER STANDARD, Print-Ausgabe, 29. 4. – 1. 5. 2006)

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