Der Kult der Missverständnisse

14. Juli 2006, 18:35
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Ungarn sind ohne Schnickschnack emotional mit Sisi verbunden

Wien - Die Ungarn waren und sind die größeren Sisi-Fans. Zu ihren Lebzeiten in Taten, heute im Herzen. Obwohl Budapest kein Sisi-Museum und Souvenir-Schnickschnack wie Wien hat, sind die Ungarn mit "ihrer Sisi emotional verbunden", sagt Zsuzsanna Tormássy vom Institut für Forschung der Habsburger Zeit Budapest. In Österreich entstand der Kult erst nach der Romy Schneider-Sisi-Verfilmung.

Kaiserin Elisabeths liebster Aufenthaltsort in Ungarn war das Schloss Gödöllö, welches das patriotische Volk dem Königspaar Sisi und Franz Joseph schenkte, als der Ausgleich Österreich-Ungarn gelang und es seine Verfassung wieder hatte. Kaiser Franz Joseph blieb nach der verlorenen Schlacht von Königgrätz gegen Preußen nichts anderes übrig, als die Ungarn in besonderer Weise zu Verbündeten zu machen und ihnen, auf Sisis Drängen hin, Zugeständnisse zu machen.

Davor aber lernte Sisi Ungarisch, ließ sich von ungarischen Damen hofieren und hatte, so munkelte man, eine Affäre mit dem Revolutionsführer Andrássy. Er wurde nach dem Ausgleich Ministerpräsident.

Missverstandene Sisi

Obwohl Sisi nicht den Ruf hatte, eine fürsorgliche Mutter zu sein, wurde sie in Ungarn als Vorzeigemutter schlechthin mystifiziert. Auch sonst betrieben die Ungarn noch zu ihren Lebzeiten einen "Kult der Missverständnisse", sagte András Gerö, Direktor am ungarischen Institut. Da die Gerüchte Ungarn erreichten, Sisi verstünde sich nicht mit ihrer Schwiegermutter Sophie, wurde Sophie, da Habsburgerin, als das personifizierte Böse gesehen, Sisi war die unverstandene Heldin.

Auf Gödöllö genoss Sisi Sympathie, die man ihr in Wien so nie entgegengebracht hatte. Trotz Zensur empörte man sich in den Zeitungen der Residenzstadt über die vielen Reisen der Kaiserin und das Geld, das sie verschlangen. Selbst als Sisi ermordet wurde, habe man eher ihren Mann bemitleidet, als Sisi selbst, erzählt die Kuratorin des Sisi-Museums der Wiener Hofburg, Katrin Unterreiner. (Marijana Miljkovic/DER STANDARD, Print-Ausgabe, 29. 4. – 1. 5. 2006)

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