Macht und Verfall

4. Oktober 2006, 15:34
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Wie "Herrenpartien" die Glaubwürdigkeit der Politik (und des Sports) unterminieren

Als der heutige Olympia- und Casinos-Chef Leo Wallner, bis vor Kurzem noch im Aufsichtsrat der Bawag, Ende der 60er-Jahre seinem Chef, dem Bundeskanzler Josef Klaus, mitteilte, er würde ins Glücksspiel wechseln, tat der schockierte asketisch-katholische Klaus so, als wäre Wallner hinkünftig Bordellbesitzer.

Als in den 70er-Jahren ein Wiener Chefredakteur mit seiner Fotografin zum Frühstück in der "Residenz" des Bundespräsidenten und vordem Wiener Bürgermeister Franz Jonas erschien, fragte Frau Jonas, was die beiden denn wollten? Kaffee oder Tee? Doch, Kaffee. Nein, haben wir nicht, nur Tee, lautete die zögerliche Antwort. Und was dazu? Na ja, wenn’s Keks gäbe? Nein, leider, heute leider nur Birnen. Also: Tee und Birnen bei den Jonas, dem Vorzeige-Ehepaar des integren, bescheidenen Sozialismus der Antike.

Heute geht es um Penthouses von Gewerkschaftern, Limousinen-Vergleiche für AUA-Chefs, Hochzeitsreisen eines Fußball-Bosses, Weinverkostungen der Sonderklasse, Urlaube beim ehemaligen Klassenfeind, Vermischungen von Politik und Werbung. Was vor Jahrzehnten Ausnahmen waren, ist heutzutage so genannter "Mainstream". Ein Glück für uns, dass in der Hofburg und gegenüber zwei Politiker sitzen, die sich diesen Verwicklungen bisher mehr oder weniger entzogen haben.

Bewusst herbeigeführtes Unglück ist, dass in Österreich "Herrenpartien" (manchmal im Gruppenbild mit Dame) zu Nebenregierungen geworden sind. Nicht, dass sie früher einmal gefehlt hätten. Der Cartellverband (CV) beispielsweise hat jahrzehntelang gut die Hälfte der wichtigsten Positionen des Staats und seiner nachgeordneten Institutionen beherrscht. Meist jedoch ohne diese Profit- und Luxus-Mentalität, die nicht nur Bawag und ÖGB an den Rand der moralischen Bedenklichkeit gebracht hat.

Ein Vorreiter des wachsenden Verfalls in den politischen und wirtschaftlichen Zirkeln war der Freundeskreis um Udo Proksch (Club 45 im "Demel"), dessen zunächst künstlerisch provokativen Ideen sich verirrten, ins Verbrechen umschlugen, letztlich aber auch zum Suizid eines Verteidigungsministers und zum Rücktritt mehrerer Regierungsmitglieder roter Provenienz führten.

Jagdszenen, Golfpartien und Saunaklubs (siehe die Affäre um einen hochrangigen Polizeibeamten) sind die eine Seite des Sittengemäldes dieser Republik. Die andere sind die Fußballvereine, deren Funktionäre und deren Finanzierung über Politik und Wirtschaft. Beispiel: Sturm Graz.

Das Motiv der Politik, Geld strömen zu lassen - vom Lokalverein bis zur Bundesliga - ist der Einsatz von Steuermitteln für die politische Werbung. Man erscheint in Lokalblättern, Gratiszeitungen und schließlich im ORF. Obwohl die steirischen Regierungspolitiker wegen des Herberstein- Skandals gewarnt sein müssten, haben sie einer Landeshaftung für Sturm und GAK zugestimmt. Fast acht Millionen Euro haben die beiden Vereine seit 2002 ohnehin erhalten. Es wurde eine Art begleitende Kontrolle eingezogen - aber wie effizient ist die angesichts der Verhaberung zwischen Politik und Fußball?

Die Wählerschaft findet kein Haar in der fetten Suppe. So wie eine hohe Quote vermutlich auch Traumgagen für die Puppen unter den "Dancing Stars" toleriert. Obwohl Moderatoren Produkte bewerben, deren Produzenten nachrichtlich auffällig werden können, Trainer doppelte Ministergehälter beziehen und einzelne Spieler dreifache.

In der Höh’ ist die Öffentlichkeit ja nur, wenn die Politiker sich selbst mehr Privilegien verschaffen oder wenn - oh Graus - in die "moderne Kunst" investiert wird. Die meisten Literatur- und Malerei-Preise sind aber ohnehin nicht höher dotiert als die Kosten für 50 Zentimeter Autobahn.

Mittlerweile haben sich Buberl- und Herrenpartien längst globalisiert. Mit dem Vorteil für sie, ihre schnellen Gewinne irgendwo verstecken zu können, mit dem Nachteil für Österreich zum Beispiel, dass Haftbefehle nur schwer vollstreckbar sind. (Von Chefredakteur Gerfried Sperl/DER STANDARD, Printausgabe, 29./30.4./1.5.2006)

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