SP-Voves: "Noch vor dem Sommer sind wir wieder zurück in der Spur"

21. Juni 2006, 14:36
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Der steirische SP-Landeshauptmann übt im STANDARD-Interview schwere Kritik an der ÖVP: Sie gefährde den "Wirtschaftsstandort Österreich"

Kanzler Wolfgang Schüssel solle sich "nicht zu früh freuen", die SPÖ sei trotz Bawag-Skandal "hoch motiviert", die Wahlen zu gewinnen, glaubt der steirische SP-Landeshauptmann Franz Voves und übt im Gespräch mit Walter Müller harte Kritik an den Spitzengehältern im ÖGB.


STANDARD: Wie viel würden Sie denn heute auf einen Sieg der SPÖ bei den Nationalratswahlen im Herbst wetten?

Voves: Ich sage: Es ist noch immer eine Fifty-fifty-Chance da. Absolut. Wir haben noch genug Zeit, den Menschen in Österreich darzulegen, dass es nicht darum geht, wer das kriminellere Element im Finanzanlagenbereich einer Bank aufzuweisen hat, sondern um die künftige Politik. Soziale Kälte versus soziale Gerechtkeit. Wir werden sehen, ob die Menschen nur an die Bawag denken oder ob sie nicht gegenüberstellen, was sie seit 2000 mit dieser Regierung erlebt haben.

STANDARD: Kommt Ihnen an der Funktionärsbasis nicht Zorn entgegen, wenn Sie auf die Penthäuser samt Swimmingpool und die tollen Gagen der Gewerkschaftsbosse angesprochen werden?

Voves: Natürlich ist das alles ein Schlag für uns. Aber die Gewerkschaftsfraktion ist ein Herzstück der SPÖ und wird es immer bleiben. Und natürlich ist ganz klar, dass nirgendwo anders als in der Gewerkschaft die Authentizität gewahrt sein muss. Also, dass es angemessene Gehälter geben soll, ist in Ordnung. Aber bitte, diese Doppelbezüge, diese Bezüge jenseits der 10.000 Euro, das ist etwas, was für die Gewerkschaftsbewegung ganz sicher ein Glaubwürdigkeitsproblem darstellt. Das irritiert die Mitglieder und die von Arbeitslosigkeit betroffenen Menschen gewaltig. Es ist bitter, wenn jetzt von einigen, die nicht genug kriegen können, auf das Ganze geschlossen wird. Das ist, was mir so wehtut.

STANDARD: Haben Sie nicht Angst, dass Sie am 1. Mai vor leeren Plätzen Ihre Ansprachen halten werden?

Voves: Das glaube ich nicht. Die Funktionäre sind trotz allem hoch motiviert. Wie Michael Häupl sagte: Jetzt erst recht.

STANDARD: Kanzler Wolfgang Schüssel will die Bawag zum dominierenden Wahlkampfthema machen. Wie kommen Sie trotz Ihres Optimismus da wieder raus?

Voves: Das ist doch der, der immer sagt, der Staat und Österreich zuerst. Gleichzeitig sagt er jetzt, wir wollen die Bawag zum Wahlkampfthema machen. Man braucht ja nur die Kommentare der anderen Bankenverantwortlichen vernehmen, was Dirty Campaigning in diesem Fall für den Finanzplatz Österreich bedeutet. Es ist unverantwortlich für den Wirtschaftsstandort Österreich. Die Frage ist nur, ob sich die Menschen dadurch wirklich wahlentscheidend beeinflussen lassen.

STANDARD: Warum tauchen solche Skandale immer wieder im SPÖ-Umfeld auf?

Voves: Die ÖVP lebt halt in ihrer Welt der Konservativen, im Land der Wohlhabenden und schaut locker vom Hochsitz des Wohlhabenden herunter auf das gemeine Volk mit seinen Problemen. Aber natürlich darf man auf der Arbeitnehmerseite nicht seine Authentizität verlieren, das darf einfach nicht passieren.

STANDARD: Eisenbahnergewerkschafter Wilhelm Haberzettl kritisierte, die SPÖ habe in den letzten Jahren viel zu wenig von den Fehlern der Regierung profitiert.

Voves: Man soll doch bitte langsam begreifen: In Salzburg, in der Steiermark, in Tirol, im Burgenland, in Wien: Wie viele Prozente haben wir denn da gewonnen, na? Und dann sagt man, es hat keine Tendenz gegeben. Also bitte, wir waren in einer tollen Spur, und ich sage Ihnen, noch vor dem Sommer sind wir wieder zurück in der Spur. Wolfgang Schüssel soll sich nicht zu früh freuen. Ich komme aus dem Sport und für mich hat es nie etwas Schöneres gegeben, als einen siegessicheren, überheblichen Gegner geschlagen zu haben.

STANDARD: In der Auseinandersetzung mit der ÖVP hat sich bereits beträchtlich viel emotionaler Schutt angesammelt. Kann der nach der Wahl noch weggeräumt werden oder ist Gemeinsames mit der ÖVP nicht mehr zu machen?

Voves: Das hat sehr viel mit den Personen zu tun. In beiden Fällen ist es hart. Wer immer diese Wahl verlieren wird: Es wird diesen an der Spitze wahrscheinlich nicht mehr geben. Es wird bei der ÖVP ein neues Team geben. Für Alfred Gusenbauer wird sich die Frage nicht stellen, wir werden es derpacken und Erster werden. (DER STANDARD, Printausgabe, 29.04.2006)

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    Landeshauptmann Franz Voves sieht ein Glaubwürdigkeitsproblem für die Gewerkschaftsbewegung.

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