Von Totentänzen und Operetten

5. Mai 2006, 13:17
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Zur Neuausgabe von Siegfried Kracauers "Theorie des Films" und seines Offenbach-Buches

Wir werden uns alle hier umbringen müssen", soll Siegfried Kracauer im Sommer 1940 einmal einem Kollegen aus besseren Zeiten, dem ehemaligen Wiener Korrespondenten der Frankfurter Zeitung, Soma Morgenstern, in einem Café in Marseille gesagt haben. Kracauer äußerte dies, wie Morgenstern berichtet, "erstaunlich schnell und apodiktisch", um sich sodann wieder seinen Papieren zuzuwenden und weiterzuschreiben. Walter Benjamin, der bei dem kurzen Wortwechsel zugegen war, kommentierte im Nachhinein spöttisch, dass "unser Freund Kracauer" sich sicherlich nicht umbringen werde. Denn der müsse ja noch "seine Encyclopaedie des Films" zu Ende schreiben. Und dazu gehöre "ein langes Leben". Zu diesem Zeitpunkt hatte Benjamin seine posthum legendär gewordenen und gern apokalyptisch verstandenen Thesen "Über den Begriff der Geschichte" bereits geschrieben. Kracauer hingegen verfolgte das aberwitzige Unterfangen, eine ganze "historische, ästhetische und soziologische Betrachtung" des Films zu beginnen, und zwar hier und jetzt in Marseille, dem Topos des "Transit", wie es in dem gleichnamigen Roman von Anna Seghers heißt, wo alle Bemühungen um Ausreise nach Übersee jederzeit durch die Internierung in den französischen Lagern, durch die Überstellung an die deutschen Besatzungsbehörden und durch eine anschließende Deportation hätten vereitelt werden können.

Drei französische Schulhefte in blauem Umschlag waren es, "Film I", "Film II" und "Film III" überschrieben, die sich Siegfried Kracauer bis März 1941 während seiner neun in Marseille verbrachten Monate sorgfältigst eingerichtet und mit Ideen, Beobachtungen und Notizen, mit Exzerpten und eingeklebten Zeitungsausschnitten angefüllt hatte. Als argumentatives und enzyklopädisch rubriziertes Material hatte er sie zur Redigierung seines erst in den späten Fünfzigerjahren fertig gestellten und 1960 in New York unter dem Titel Theory of Film erschienenen Buches immer wieder herangezogen. Im Nachlass aber, der im Deutschen Literaturarchiv Marbach aufbewahrt ist, blieben sie lange Zeit unbeachtet.

Erst die in Chicago lehrende Filmwissenschafterin Miriam Hansen hatte 1993 mit einem Aufsatz in der Zeitschrift Critical Inquiry auf Kracauers Marseiller Hefte aufmerksam gemacht und auf die erheblichen Unterschiede zwischen den dort überlieferten filmtheoretischen Entwürfen und dem vergleichsweise späten Buch hingewiesen. Dass die seinerzeit in kleinster Handschrift, bisweilen auch in Gabelsberger Kurzschrift notierten Entwürfe nun erstmals transkribiert und auf 160 Druckseiten vollumfänglich veröffentlicht sind, wird gewisslich eines der größten Verdienste der seit 2004 sukzessive erfolgenden Neuausgabe von Kracauers Werken sein. Denn in den Entwürfen (sie werden im Anhang des Bandes der Theorie des Films publiziert) zeigt sich ein Filmtheoretiker, der lange noch nicht, wie es seinem späteren Buch vorgeworfen wird, in die Wertungsschemata des Normativen verfällt. Sondern der noch – womit er die neueren Diskursverlagerungen von der Film- zur Kinotheorie vorausnimmt – das Medium Film an das "Dickicht des Seien den", vor allem an seine plebejische Herkunft aus dem Jahrmarktskino zurückbinden will. Nicht von ungefähr hatte Kracauer sein Filmbuch einst mit einer "Kermesse funèbre", einer Interpretation von Eisensteins Filmaufnahmen der mexikanischen Festtänze zum alljährlichen Totengedenken abschließen wollen. Dies hätte am Kino einen karnevalesken Impuls deutlich gemacht, der dann aber während der Redigierung des Filmbuches in den USA der Fünfzigerjahre ersatzlos entfiel.

Überhaupt sind es die Anhänge, die vielen^teils den Reiz der Neuausgabe von Kraucauers Werken ausmachen. Sie enthalten kaum andernorts so ausführlich recherchierte biografische Abrisse über den Kontext der edierten Schriften, die die Herausgeberinnen jeweils mit viel Sachkenntnis und Einblick in die überwiegend unveröffentlichte Korrespondenz Kracauers zusammenstellen. Und sie machen wenig bekannte Typoskripte und andere Schriftzeugnisse zugänglich, die die Vor- und die Nacharbeiten seiner Veröffentlichungen dokumentieren. So auch im Falle der "Gesellschaftsbiographie", als die Kracauer sein 1936 erschienenes Buch über Jacques Offenbach und das Paris seiner Zeit verstanden wissen wollte. Ein "motion picture treatment", das Kracauer in Erwartung einer Verfilmung seiner Offenbach-Biografie durch die MGM angefertigt hatte, macht hier etwa deutlich, wie sehr der recht vage projektierten Arbeit für die Filmindustrie die ehemals soziologische Verankerung seiner Titelfigur abgegangen ist. Das lässt an einen Hinweis von Ingrid Belke, der Herausgeberin des Bandes, denken, dem zufolge nach 1933 in der Exilkorrespondenz an und von Kracauer das Wort "Anpassung" einer der am häufigsten verwendeten Begriffe gewesen sei.

Ohnehin sind die Dilemmata schriftstellernder Emigranten unübersehbar. Ob Alfred Döb^lin oder Kracauer, ob Thomas oder Heinrich Mann, sie alle projizierten in den Dreißigerjahren die Gegenwart, die ihnen entfremdet und gewissermaßen exterritorial geworden war, auf eine teils fiktionale, teils faktografisch beschriebene Vergangenheit historischer Biografien und Romane. Kaum aber überbrückten sie die aus diesem Verfahren resultierenden Bruchstellen zwischen diagnostischem Denken und erwünschten Idealen. So schien Kracauer, wie damals einer der luzidesten Kritiker seines Offenbach-Buches, der Literaturwissenschaftler Hugo Bieber, in der Exilzeitschrift Das Neue Tage-Buch beobachtete, eines nicht zu bemerken: Das Ablenkungsbedürfnis, dem Operetten dienen konnten, ist so gut wie niemals mit einem Auflehnungsbedürfnis der Massen verbunden gewesen. (DER STANDARD, Printausgabe vom 29./30.4.2006)

Von Hendrik Feindt, Literatur- und Filmhistoriker
  • Siegfried Kracauer"Theorie des Films. Die Errettung der äußeren Wirklichkeit". Werke, Band 3, herausgegeben von Inka Mülder-Bach, unter Mitarbeit von Sabine Biebl. € 87,40/914 Seiten. Suhrkamp, Frankfurt/Main 2005
    foto: buchcover/suhrkamp

    Siegfried Kracauer
    "Theorie des Films. Die Errettung der äußeren Wirklichkeit".
    Werke, Band 3, herausgegeben von Inka Mülder-Bach, unter Mitarbeit von Sabine Biebl.
    € 87,40/914 Seiten. Suhrkamp, Frankfurt/Main 2005

  • Siegfried Kracauer,"Jacques Offenbach und das Paris seiner Zeit". Werke, Band 8, herausgegeben von Ingrid Belke, unter Mitarbeit von Mirjam Wenzel. € 74,10/470 Seiten. Suhrkamp, Frankfurt/Main 2005.
    foto: buchcover/suhrkamp

    Siegfried Kracauer,
    "Jacques Offenbach und das Paris seiner Zeit".
    Werke, Band 8, herausgegeben von Ingrid Belke, unter Mitarbeit von Mirjam Wenzel.
    € 74,10/470 Seiten. Suhrkamp, Frankfurt/Main 2005.

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