Die Sportgeschichte des Jahres

12. Mai 2006, 15:03
5 Postings

Gerald John und 'Datum' wurden für ihren Bericht über Georg Zellhofer ausgezeichnet - das Porträt eines Arbeiters als Nachlese

Hohe Stirn statt großer Klappe: Mit Akribie, Feingefühl und Sachverständnis führte Georg Zellhofer den Vorstadtklub Pasching zu erstaunlichen Erfolgen. Jetzt darf er Meister Rapid trainieren. Porträt eines Arbeiters.

Sie haben den Trainer aufgehängt. Die ganze Tribüne ist mit Porträts dekoriert. Von der Ferne sehen sie aus wie Mao-Bilder. Das Publikum schreit nach dem Mann mit der hohen Stirn, doch der verkneift sich jede Regung. Kein freundliches Winken, keine huldvolle Geste. Missmutig schlurft er über den Rasen, den Blick zum Boden gesenkt. Die Hände sind tief in den Taschen seiner Trainingshose vergraben. „Wenn die Fotografen kommen, steh ich nicht gern in der ersten Reihe“, sagt er. „Ich bin froh, wenn ich meine Ruh habe.“

Ein halbes Leben lang klappte das Versteckspiel ganz gut. Doch seit Georg Zellhofer Fußballtrainer ist, hat er ein Problem: zu viel Erfolg. Im Juli 1996 heuerte Zellhofer beim Dorfverein im oberösterreichischen Pasching an. Damals kickte die Truppe aus dem Linzer Vorort, einem monströsen Einkaufszentrum mit ein paar Häusern drumherum, in der zweiten Landesliga, quasi der fünften Division. Heute, 306 Partien später, messen sich die Paschinger mit Rapid, Austria und den anderen prominenten Mannschaften der höchsten Spielklasse Österreichs. Der FC Superfund, wie sich der Klub aus Rücksicht auf den Sponsor derzeit nennt, spielt zwar weder rasend schön, noch hat er irgendeinen wichtigen Titel gewonnen.

Aber Zellhofer bewies, dass ein Betreuer mangelndes Talent seiner Spieler wettmachen kann, wenn er moderne Trainingsmethoden anwendet, sich über Taktik länger als fünf Minuten den Kopf zerbricht und unter Coaching nicht bloß Herumgebrüll an der Outlinie versteht. Als Lohn für neun Jahre Arbeit heimste der 45-Jährige nun den Job als Cheftrainer von Meister Rapid Wien ein – und viel Jubel beim Abschied aus Pasching. Dabei ist Applaus für einen scheidenden Trainer etwa so häufig wie ein Auftritt der österreichischen Nationalmannschaft bei einer Weltmeisterschaft. „Geheimnis gibt’s keines“, enttäuscht Zellhofer Journalisten, die nach Ursachen des Fußballwunders forschen. Marketing in eigener Sache liegt ihm nicht, „am liebsten stehe ich auf dem Platz.“

Wie auch an diesem trüben Novembernachmittag. Zum vorletzten Mal trainiert Zellhofer an diesem Tag seine Paschinger. Am Sonntag gegen die Wiener Austria will er sie noch einmal zu einem Sieg treiben. „Vorisek, Chiquinho, Kabat, Schoppitsch – zu mir!“, befiehlt er und trabt los in Richtung Spielfeld. Während Cotrainer Helmut Kraft das Defensivpersonal über das Trainingsfeld jagt, lässt der Chefcoach seine Offensivkräfte Standardsituationen üben. Einen Ball nach dem anderen schneiden die Techniker über die aufgestellten Pappkameraden, stets die Kommentare ihres Trainers in den Ohren: „A bissl Effet, Chiqui!“, „Ins Tor muss er einefallen!“ oder einfach nur „Scheiße!“ Später stoßen die Stürmer und die kopfballstarken Verteidiger zu dem Grüppchen. Zellhofer lässt sie um die Wette aufs Tor ballern. Das bringt Selbstvertrauen. Als sich die Profis gegenseitig aufziehen („Du schießt ja wie a Frau!“), hat auch der Trainer seine Freude: „Wie die kleinen Kinder. Aber das gehört dazu.“

Vor allem dann, wenn ein Match vor der Tür steht. Zellhofer lässt die Zügel nicht etwa deshalb schleifen, weil er gut aufgelegt ist. Er baut sein Training nach einem ausgeklügelten Rhythmus auf. Ab der Wochenmitte fährt der Übungsleiter die Intensität herunter, damit die Spieler am Tag X nicht halb tot über den Platz schleichen. Am Donnerstag steht Regeneration auf dem Programm, maximal werden Freistöße und Eckbälle geprobt. Freitags versuchen die Trainer dann, ihren Spielern einen letzten Kick zu verpassen. Vor dem Austria-Match lässt Cotrainer Kraft, der nicht zum Hütchenaufstellen in Pasching ist, sondern selbst eine professionelle Ausbildung abgeschlossen hat, seine Gruppe zum Beispiel kurze Sprints mit anschließendem Torschuss absolvieren. „Wir geben den Muskeln Impulse, die nicht länger als drei, vier Sekunden dauern“, erklärt Kraft. „Das erhöht die Spritzigkeit.“

Den Sonntag nach einem Spiel verbringen die Paschinger Balltreter mit „Körperpflege“ – am Massagetisch, in der Sauna und im Jacuzzi. Mehr als Fußballtennis und Gymnastik muten ihnen die Betreuer nicht zu. Nur die Bankerldrücker vom Matchtag müssen die versäumten 90 Minuten einarbeiten. Nach einem freien Tag, der dem Lagerkoller vorbeugt, geht dann die Schinderei für die ganze Mannschaft los. Obwohl Zellhofer als Pulsuhr-Fetischist gilt, schuften die Paschinger nicht nur in der Kraftkammer.

Der Chef hetzt seine Spieler in Kleingruppen aufeinander, um den Zweikampf zu schulen, oder lässt sie sieben gegen sieben ohne Tore antreten – damit sie lernen, die Kugel in den eigenen Reihen zu halten. Dabei vergrößert und verkleinert Zellhofer das Spielfeld nach Belieben. Schließlich sollen die Kicker auch dann einen Ausweg finden, wenn sie von Gegnern regelrecht umzingelt sind. Zellhofer lobt viel. Er kritzelt Notizen in seinen Block und schaut den Spielern genau auf die Beine. Wirkt einer schwerfällig, schickt ihn der Trainer zum Blutabnehmen oder aufs Klo, wo er in ein Reagenzglas pinkeln muss. Aus dem Harn liest das Betreuerteam, ob ein Kadermitglied auch genug trinkt, was für die Erholung essenziell ist. Die Blutanalyse verrät wiederum, wenn Muskeln übersäuert, also überanstrengt sind. „Manchmal schaut der Georg den Spielern aber auch einfach nur in die Augen und weiß, was los ist“, sagt Günter Zeller, einst Cotrainer Zellhofers. „Er macht viel aus dem Bauch heraus.“

Anhand seiner Erkenntnisse bastelt Zellhofer individuelle Trainingspläne. Die Paschinger spulen nicht alle stur dasselbe Programm ab. Wer ausgepowert ist, schiebt lockere Einheiten am Ergometer oder im Schwimmbecken ein. Umgekehrt nimmt sich der Coach „Obezahrer“ persönlich zur Brust. „Ich war ein fauler Hund, aber das hat er mir ausgetrieben“, erzählt sein Schüler Markus Kiesenebner, heute bei der Austria und im Nationalteam. „Vor seinen Augen musste ich Sonderschichten einlegen. Dafür bin ich ihm heute dankbar.“

Zellhofer hat die konditionellen Fortschritte seiner Truppe so präzise dokumentiert, dass er daraus seine Diplomarbeit für die UEFA-Pro-Lizenz, eine Art Doktortitel für Trainer, zimmerte. Fitness hält der Ehrgeizler, der am liebsten seinen schwarz-roten Trainingsanzug trägt, für den Schlüssel zum Erfolg. Gerne würde er seine Mannschaft vor Saisonbeginn noch viel intensiver drillen. Aber das sei, wie er beklagt, wegen der kurzen Sommerpause in Österreich nicht möglich. Zellhofer imponieren Athletik und Tempo von Teams wie dem FC Chelsea London, über dessen Spielkultur Connaisseure die Nase rümpfen. Und er mag robuste Underdogs wie etwa die Griechen. Während die halbe Fußballwelt über den Unkick des Europameisters stöhnte, schwärmt Zellhofer noch heute: „Kein Luis Figo oder Cristiano Ronaldo konnte die Griechen überspielen, weil diese einfach körperlich überlegen waren.“

Den Blendern eiferte Georg Zellhofer nie nach. „Ich bin ein Arbeiter“, sagt er bei jeder Gelegenheit. Dabei stammt der gebürtige Niederösterreicher nicht gerade aus einem proletarischen Milieu. Als Zellhofer fünf war, übersiedelte die Familie, der Vater Volksschuldirektor, die Mutter Hausfrau, von Waidhofen an der Ybbs ins Dörfchen Kürnberg bei Steyr. Der kleine Georg wuchs in einer Wohnung im Schulgebäude auf, tollte aber jede freie Minute auf den vielen Wiesen der Umgebung herum. „Das kennen viele Kinder gar nicht mehr“, sagt er heute. Das Bewegungstalent liebäugelte mit einer Karriere als Skifahrer. Am Ende entschied er sich dann aber doch für den Profifußball: Erst unterschrieb er bei Vorwärts Steyr, noch als Teenager wechselte der HTL-Abbrecher zu Voest Linz.

Der gleichnamige Stahlkonzern leistete sich damals seinen eigenen Werksverein – zumindest solange Betriebsratskaiser Franz Ruhaltinger, verschrien als halsstarriger Gewerkschaftsbonze, der mit einem Arsch auf mehreren Stühlen saß, seine schützende Hand über die Fußballer hielt. Die Debatte über die Privilegien in der verstaatlichten Industrie schwappte seinerzeit auch auf den Klub über, weil den blau-weißen Kickern besonders fette Gagen nachgesagt wurden. Das war auch nicht ganz falsch, erzählt der ehemalige Voest-Star Ove Flindt: „Allerdings waren wir auch der erste Verein, wo es leistungsbezogene Verträge gab. Nur bei Erfolg haben wir gut verdient.“ Dieses System habe den Jungspund Zellhofer geprägt, glaubt Flindt: „Er musste sich immer alles hart erkämpfen.“

„Künstler war der Georg keiner“, sagt Max Hagmayr, einst Voest-Stürmer, heute Spielermanager. Eher einer jener Rackerer, die erst dann auffallen, wenn sie ausfallen. Unzählige Bälle erkämpfte der blonde Dauerläufer für die Freigeister Flindt, Willy Kreuz und Jürgen Werner, meist als Außendecker, manchmal auch im defensiven Mittelfeld. Technische Schwächen machte er mit Eifer, Einsatz und Ernsthaftigkeit wett. „Der Schurl hat sich vor einem Spiel nicht fünfmal, sondern zehnmal die Schuhbandln geschnürt, bis ihm alles gepasst hat“, berichtet Freund und Ex-Kollege Manfred Schill. In die Akribie mischt sich bis heute eine Portion Aberglauben. Vor jedem Spiel legt Zellhofer dieselbe Musik im Auto auf – offenbar eine grauenhafte Schnulze. Dem Wahloberösterreicher ist das Lied „so peinlich“, dass er niemandem den Titel verrät.

Als „Maradona“ häkelte ihn einmal Willy Kreuz, Mitglied der legendären Mannschaft von 1978, die im argentinischen Córdoba Deutschland geschlagen hatte. Doch entmutigen ließ sich der stille Zellhofer nie. Stattdessen legte er nach dem Training gern Sonderschichten ein, wenn ihm der Ball zu oft vom Fuß gesprungen war. Für den ganz großen Durchbruch reichte es trotzdem nicht. Stand der Sportsmann mit dem protestantischen Arbeitsethos endlich einmal im Kader für das Nationalteam, zwickte prompt die Leiste oder riss ein Seitenband.

Weil „Zelle“ das Pantheon der heimischen Kickerwelt verschlossen blieb, trudelten nach Karriereende auch nicht allzu lukrative Angebote ein. Statt auf der Betreuerbank eines Bundesligaklubs landete er in einem Lampengeschäft. Bei Molto Luce in Wels betreute der Ex-Profi dreieinhalb Jahre lang Kunden am Telefon, die sich für Deckenfluter oder Außenleuchten interessierten. Spätestens seit diesem Ausflug ins profane Berufsleben reagiert Zellhofer auf verhätschelte Möchtegernstars allergisch.

„Viele junge Spieler bekommen heutzutage Puderzucker in den Orsch geblasen. Beim ersten Gegenwind geben sie auf. Dabei gibt es Familienväter mit vier Kindern, die für 1.000 Euro jeden Tag eine Stunde vom Mühlviertel zur Schicht in die Voest fahren. Wer motiviert denn die?“

Auch dank Molto Luce verlor Zellhofer den Fußball nicht aus den Augen. Sein damaliger Chef verpflichtete ihn und andere Linzer Altstars für den eigenen Leibverein aus Weißkirchen. Bis Zellhofer auf die andere Seite der Outlinie wechselte. Erst trainierte er Amateure Steyr, dann den Nachwuchs des in FC Linz umbenannten SK Voest, ehe ihn Franz Grad an die Peripherie lotste. Ironie der Geschichte: Der Spediteur ist nicht nur Langzeitpräsident des SV Pasching vulgo Superfund, sondern auch jener Mann, der den Verein, dem sich Zellhofer eigentlich „bis in den Tod“ verschrieben hatte, liquidierte. Als Gönner engagierte sich Grad einst beim FC Linz – und fusionierte den Traditionsverein prompt mit dem verhassten Stadtrivalen LASK. Beim konstruierten Einheitsklub fasste der Unternehmer aber nicht Fuß.

Seinen Traum versucht er nun in Pasching zu verwirklichen. Mit Juli 1996 datieren die Chronisten in den Sportredaktionen den Auftakt des Paschinger Mirakels. Zellhofer führt seine Truppe nicht nur Liga um Liga empor; er verpasst ihr auch einen originären Stil. Nach dem Durchmarsch durch die Landesliga kann sich der Klub allmählich den einen oder anderen gealterten Könner leisten, der für die Topklasse bereits zu langsam ist, das an Schonkost gewohnte Dorfpublikum aber immer noch verzückt. Der Weißrusse Sascha Metlitski zum Beispiel schlägt aus dem Stand präzise Pässe über 60 Meter. Darauf baut Zellhofer sein Spiel auf. Die Verteidiger überbrücken mit weiten Abschlägen das Mittelfeld, die Stürmer suchen mit gepflegtem Kurzpassspiel das Tor. Zumindest im Idealfall.

Im Prinzip blieb Zellhofer diesem auf Konter angelegten Stil treu – nur machte er mit dem Aufstieg in die Bundesliga ästhetische Abstriche. „Man muss die Schönheit dem Erfolg opfern“, gibt der Trainer zu. „Pasching hat nie fußballerisch bestochen.“ Selbst Teams aus Zypern oder Liechtenstein rennen heute nicht mehr wie aufgescheuchte Hendln über den Platz. Nur mit der feinen Klinge könnten selbst die besten Mannschaften kaum noch Spiele gewinnen, meint Zellhofer: „Wie soll das dann Pasching schaffen? Wir haben mehr Erfolg, wenn wir auf Fehler des Gegners warten.“

Zellhofer verfolgt eine Philosophie, die in der Theorie als „totaler Fußball“ bekannt ist. Die Spieler werden immer athletischer, ihre Attacken immer härter. Wie Bienenschwärme fallen sie über den Gegner mit dem Ball her und kreisen ihn ein. Weil es darum geht, in der jeweiligen Spielsituation eine Überzahl herzustellen, müssen die Stürmer auch verteidigen und die Verteidiger auch stürmen. Elegante Solotänzer sind da abgemeldet, filigrane Trickser stehen auf verlorenem Posten. „Den klassischen Zehner im Mittelfeld gibt’s für mich nicht mehr“, sagt Zellhofer.

Stattdessen steht er auf Allrounder wie seinen Schüler Kiesenebner. Der ist ein harter Knochen, kann scharf schießen, schüttelt aber ebenso gefühlvolle Pässe aus dem Fußgelenk. Im nostalgischen Österreich waren die Universalisten lange unpopulär. Lauffaule Ex-Goalgetter wie Hans Krankl und Toni Polster verwehren sich bis heute dagegen, dass ihr Typus nicht mehr gefragt sei.

„Was unterm Strich zählt, sind die Tore“, sagte Polster einmal dem Falter. „Mir waren immer lieber die Fakten, als dass mich jemand gelobt hätte: Der rennt und rennt.“ Die Journalisten Christoph Biermann und Ulrich Fuchs nennen in ihrem Standardwerk „Der Ball ist rund, damit das Spiel die Richtung ändern kann“ (Verlag Kiepenheuer & Witsch) hingegen gerade Polster als Beispiel für einen Heroen, der aus der Mode gekommen ist. Der Publikumsliebling habe beim 1. FC Köln und bei Borussia Mönchengladbach zum Ende seiner Karriere zwar oft eingenetzt, meinen die Autoren. Abgestiegen seien seine Klubs trotzdem. Halb so wild, wenn ein Superfund-Spieler über den Ball säbelt. Lässt er aber einen Gegner seelenruhig herumdribbeln, dann brüllt Zellhofer ins Feld hinein. Gerne spricht er vom „Kollektiv“. Ein Wort, das unbescheidene Fans und ambitionierte Mäzene hassen.

Mit lukrativen Verträgen in der Tasche kehren jedes Jahr Mannschaftsstützen Pasching den Rücken, doch weder Klub noch System geraten ins Wanken. Zellhofer füllt die Lücken mit vermeintlichen Auslaufmodellen, Antikickern und Nobodys auf. Vernebler wie Christian Mayrleb mutieren zu Schützenkönigen. Fliegenfänger wie Josef Schicklgruber verblüffen mit Torsperren. „Zellhofer setzt seine Mannschaft so sorgfältig wie ein Puzzle zusammen“, sagt sein ehemaliger Voest-Kumpane Jürgen Werner, heute Spielervermittler. „Wenn andere Teams noch nach der richtigen Mischung suchen, hat Pasching bereits zehn Punkte am Konto.“ Wochenlang müssen Neuankömmlinge mitunter auf der Bank schmoren, ehe sie ins Gefüge passen.

Palastrevolten kommen in Pasching trotzdem nicht auf. Ob sich ein Spieler eine schlechte Note in der Krone zu Herzen nimmt oder Krach mit der Gattin hat – der Trainer spürt es. „Zellhofer hat eine feine Nase“, sagt Cotrainer Kraft. „Einem Spieler ist oft schon geholfen, wenn der Trainer seine Probleme erkennt.“ Frei nach Ernst Happel, der 80 Prozent des Erfolgs der mentalen Verfassung zuschrieb, führt Zellhofer mit seinen Pappenheimern Zwiegespräche, um konkrete Ziele ins Auge zu fassen.

Diesen Winter überlegte er, mit der Mannschaft auf eine einsame Hütte zu fahren, wo diese selbst kochen, Holz sammeln und einheizen müsste. Gerade in einer Multikultitruppe wie dem FC Superfund sollte das den Teamgeist stärken. Zellhofer spielt nicht nur den Psychoklempner. Für seine Schützlinge treibt er die besten Ärzte und Physiotherapeuten auf und berät sie mitunter sogar in Transferfragen. Bis hin zum Obstkorb in der Kabine bemüht er sich darum, dass alle ja gesund essen. Dabei hätte Zellhofer sogar echte Kinder: die Studentin Alina (19) und den Gymnasiasten Alexander (11). Doch die muss er ebenso wie seine Frau, die gleichzeitig einen Bürojob und den Haushalt im Nachbarort Hörsching schupft, vernachlässigen.

In Wien will das Familienoberhaupt deshalb mit seiner Tochter, die eine Fachhochschule für Journalismus besucht, zusammenziehen – doch wahrscheinlich ist der Papa dann erst recht wieder die ganze Zeit unterwegs. Nicht einmal jetzt, wo er vor seinem Amtsantritt bei Rapid am 1. Jänner ausspannen könnte, hält es den Rastlosen in den vier Wänden. Mitte November fuhr er extra die 270 Kilometer von Pasching nach Bratislava, um das de facto bedeutungslose WM-Qualifikationsspiel Slowakei gegen Spanien zu sehen. „Schließlich hat man die Spanier nicht jeden Tag vor der Haustür“, sagt er. Die Schattenseiten seiner 18-Stunden-Tage nimmt er in Kauf. „Als Trainer rennst du von Pontius zu Pilatus – bis du dich fragst, was dir die Spieler zurückgeben“, sagt er. „Irgendwann bleibst du selbst auf der Strecke.“

Vor ein paar Jahren wäre das Zellhofer beinahe passiert. Während seine Kicker pumperlgsund über den Rasen wieselten, humpelte der Chef mit einem geschwollenen Knie herum. Nach einer Operation am Kreuzband pfiff er auf die Reha und schleppte sich mit Krücken durch den Schnee gleich wieder auf den Trainingsplatz, „bis die Alarmlamperl aufleuchteten“. Als der Workaholic nicht mehr richtig schlafen konnte, gönnte er sich ein halbes Jahr Pause – und wurde erst nicht glücklich. In den ersten Erholungswochen fiel er in ein tiefes Loch. Zellhofer: „Nach so viel Stress rennst im Kreis, wenn du plötzlich nichts mehr zu tun hast.“

Prompt fingen manche im Waldstadion an, sich das Maul zu zerfransen: „Der Zellhofer bringt’s nimma.“ Undank ist eben des Trainers Lohn. Trotz aller Erfolge wackelte sein Stuhl auch zu Beginn der laufenden Saison, weil der FC Superfund nach einem personellen Aderlass in den ersten drei Spielen kein Tor geschossen hatte. Doch die mutmaßliche Hundstruppe reagierte mit einer erstaunlichen Serie von acht Partien ohne Niederlage. In all den Jahren schaffte es Zellhofer, eine Revolution der steigenden Erwartungen zu verhindern – in den letzten beiden Saisonen brachte er sein Team sogar in den UEFA-Cup. Der Standard-Sportjournalist Johann Skocek zählt Pasching am Ende der Ära Zellhofer zu den solideren Vereinen der Bundesliga: „Im österreichischen Fußball geht die Erneuerung von der Provinz aus.“

Der FC Superfund – ein Rolemodel für jedes x-beliebige Kaff? Nicht unbedingt. Pasching hat mit einem beschaulichen Weiler wenig gemein. „Barockhäuser stehen bei uns keine herum“, sagt Zellhofer in einem seltenen Anflug von Ironie. Die Einfallstraße aus Linz säumen Baumax und Bellaflora, Makromarkt und Möbelix. Die Dorfbewohner verschanzen sich hinter meterhohen Lärmschutzwänden. Paschings Kathedrale ist die Plus City. Das Shoppingcenter wirft für den 6.200-Seelen-Ort nicht nur 2.000 Arbeitsplätze, sondern auch satte Steuern ab. So konnte sich’s die Gemeinde leisten, den Höhenflug des eigenen Vereins mit bislang sieben Millionen Euro zu sponsern. „Weil’s eine Riesenhetz ist“, sagt Bürgermeister Fritz Böhm. „Wir schwimmen im Geld und sind ein bissl wie Monte Carlo: Jeden lassen wir nicht zu uns ziehen.“ Den großen Rest der Kohle stellt Präsident Grad auf.

Der Spediteur bewies von Anfang an einen guten Riecher, als er Mitte der Neunziger viele allseits gelobte Nachwuchsspieler vom aufgelösten FC Linz importierte. Der kluge Schachzug begründete zwar einen Lauf, aber noch keine Tradition. Im Schnitt besuchen kaum mehr als 4.000 Fans das für 9.000 Zuschauer konzipierte Waldstadion. Pasching muss nicht nur Tickets, sondern auch den Klubnamen zugunsten eines Hedgefonds-Anbieters verschleudern. Für ein Budget von fünf Millionen Euro lässt sich der Verein FC Superfund nennen – und vergrätzt einen Teil der wenigen Anhänger. Als „arbeitslose Deppen“ habe sie Klubboss Grad beschimpft, beschwerte sich der Paschinger Fanbeauftragte Günter Habichler im Sommer und trat zurück. Was passiert war? Beim Spiel gegen Red Bull Salzburg hatten Aficionados ein Spruchband ausgebreitet. „Willkommen zum Kommerzgipfel!“ stand darauf.

Nicht einmal beim Zellhofer’schen Abschiedsspiel gegen die Austria ist das Stadion voll. Dabei wäre der Stronach-Klub ein dankbarer Gegner: unbeliebt, mit vielen Stars, aber wegen einer Krise scheinbar bereit zum Abschuss. Georg Zellhofer hat seine Truppe so gewissenhaft vorbereitet, als würde er nicht unmittelbar nach der Partie die Sporttasche packen. Die gegnerischen Angreifer fürchtet er, „da brauchst net glauben, einfach mitspielen zu können“. Also trichtert er seinen Spielern ein, den violetten Aufbauspieler Jocelyn Blanchard unter Druck zu setzen, um die Verteidiger dahinter zu zwingen, selbst das Heft in die Hand zu nehmen. Denn dabei, weiß Zellhofer, haben die Probleme.

In der ersten Hälfte klappt das Pressing gut. Superfund erspielt sich, wie es später in den Matchberichten heißt, „ein Übergewicht“. Doch die zweite Hälfte zeigt, warum sich der ehrgeizige Zellhofer eine neue Herausforderung sucht. Die Paschinger stoßen im entscheidenden Moment an ihre Grenzen. Die Austria-Trainer Peter Stöger und Frenkie Schinkels tauschen einmal klug aus und bringen neue Stürmer. Die Oberösterreicher geraten ins Schwimmen. Sechs Minuten vor Schluss nudelt Roland Linz den Ball ins Tor der Heimischen. Die Fans klatschen trotzdem. „Wir wollen den Georg sehen!“, schreien sie noch lange nach Schlusspfiff. Als die Reporter ihre Wortspenden eingeholt haben, nimmt der introvertierte Held doch noch ein kurzes Bad im Jubel. Ob Zellhofer in der Hauptstadt auch so eine heimelige Atmosphäre erwarten wird?

Im Kabinengang geben ihm die beiden Kollegen von der Austria eine Vorahnung. „Wien ist anders“, zischt ihm Schinkels zu, und Stöger sagt: „Wenn ich bei der Austria als Trainer aufhöre, werden mich die Fans ganz sicher nicht so feiern.“

Link

Datum

Der „Sports Media Award“ wird von der der Standesvertretung der österreichischen Sportjournalisten und -fotografen vergeben.

  • Artikelbild
Share if you care.