Wie geht's uns?

13. Oktober 2006, 20:03
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Maximilian Pöttler erlebt seit 43 Jahren die Höhen und Tiefen der Partei aus Sicht des einfachen Mitglieds

Maximilian Pöttler erlebt seit 43 Jahren die Höhen und Tiefen der Partei aus Sicht des einfachen Mitglieds. Beigetreten ist er damals aus Über- zeugung, sagt er, und nicht aus Opportunismus.

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Wer Maximilian Pöttler bittet, sein Parteibuch hervorzuholen, bekommt einen ganzen Stapel an Unterlagen überreicht. Darin hat der 67-jährige Pensionist akribisch seine Parteibiografie gesammelt. Sie beginnt am 1. Dezember 1963 mit einem in rotem Leinen gebundenen, kleinen Büchlein, ausgestellt und gestempelt von der "Lokalorganisation Neuberg an der Mürz". Gegenwärtig setzt sie sich in diversen Kuverts fort. Dort nämlich hebt "Mäxchen", wie Maximilian in der Familie genannt wird, gewissenhaft all jene Parteimarken auf, die keinen Platz mehr in seinem Parteibuch fanden – und das sind einige.

Seit 1978 klebt er nicht mehr, sondern archiviert – und damit ist er seiner Partei nicht unähnlich. Vieles, was das selbstverständliche Umfeld des Genossen Pöttler und seiner Frau Liselotte, gerufen "Lilo", noch immer wohnhaft im obersteirischen Neuberg, einst ausgemacht hat, ist inzwischen Geschichte.

Nicht nur das Parteibuch, das in der Ära Viktor Klima im Jahr 1998 de facto abgeschafft und durch die "SPÖ-Plus Karte" ersetzt wurde, auch die blau-orange Konsum-Mitgliedskarte, eingetragen auf Frau Pöttler, mit der sie am Jahresende ihre gesammelten Prozentpunkte gegen Ware einlösen konnte.

Geschichte sind auch die kämpferischen Parolen, die die ersten und letzten Seiten von Pöttlers Parteibuch füllen – und jedem neu geworbenen Roten damals das Gefühl geben sollten, Teil einer mächtigen Bewegung geworden zu sein. "Jeder Sozialist aktiv in seiner Gewerkschaft" steht da etwa. "Dein bester Freund ist die AZ" (damit ist die 1989 eingestellte Arbeiter-Zeitung gemeint) oder "Jede Genossin, jeder Genosse wird Mitglied im Konsum".

Lilo hat immer noch ihren wie ein alter Schilling-Schein gestalteten Konsum "Geschäftsanteilschein" in der Höhe von 2000 Schilling, der durch die Konsum-Pleite 1995 wertlos wurde. Maximilian, zuerst Beamter in der Bezirkshauptmannschaft Mürzzuschlag, danach Gemeindesekretär in Kapellen, dem Nachbarort Neubergs, trat 1966 der Gewerkschaft Öffentlicher Dienst bei. Irgendwann Mitte der Siebzigerjahre verließ er sie wieder. "Die Gewerkschaften sind nicht so mein Fall", meint er.

Eine Haltung, in der er sich jetzt bestätigt fühlt. "Sachen drehen, die uns auf den Kopf fallen", nennt er das, was beim Bankenskandal passiert ist. "Was hatten ÖGB-Funktionäre in der Bawag zu suchen? Zuschanzen, Postenschacherei – alles nicht notwendig. Es müssen nicht überall die gleichen Leute sitzen. Ein Fritz Verzetnitsch hat im Parlament nichts verloren. Am Vormittag dafür, am Nachmittag dagegen, das kann nicht funktionieren."

All das entspricht so gar nicht dem Satz, mit dem Maximilian Pöttler sein Lebensmotto zusammenfasst: "Lieber weniger, dafür sicher" – das Credo der gesamten österreichischen Nachkriegsgeneration war auch seines. Protzige Penthäuser mit Schwimmbädern, der Traum vom schnellen Geld in Übersee haben darin keinen Platz.

Dass der bärtige Mann mit dem Brustumfang eines Kugelstoßers dereinst in der SPÖ landen würde, war absehbar. Er wurde als Sohn eines Schneidermeisters im Jahr des Anschlusses in einem Seitental des Mürztals (man könnte auch sagen, am Ende der Welt, zumindest im österreichischen Sinne) geboren, schon sein Vater war ein "stillschweigender Roter". Nach der Schule meldete er sich freiwillig für fünf Jahre beim Heer und lernte dort Automechaniker, das war für ihn die günstigste Möglichkeit, eine Ausbildung zu erhalten.

Mit 24 Jahren begann er seine Beamtenkarriere bei der Bezirkshauptmannschaft in Mürzzuschlag – da war er schon verheiratet, das zweite Kind unterwegs. Lilo kaufte ihm eine Füllfeder, Mäxchen, nun stolzer Landesbediensteter, lernte Schönschrift, damit er die Dokumente ordentlich ausfüllen kann.

"Du tust dir leichter, wenn du zur Partei gehst", raunte ihm der Neuberger Schuldirektor, der gleichzeitig auch SPÖ- Vorsitzender im Ort war, zu. "Das ist besser für den Aufstieg." Beigetreten ist er aus Überzeugung und nicht aus Opportunismus. "Ich war immer einer, der Menschen helfen will." Der Parteienverkehr lag ihm mehr als das "Beim-Karteikastl-Hocken". Als er in der zweiten Hälfte der 70er-Jahre am Amt das "Fremdenwesen" übernimmt und die erste Gastarbeiterwelle, die auch sein Tal erreicht hat, zu administrieren hat, lernt er Serbokroatisch.

Viel gesprochen wurde über die SPÖ in der Familie Pöttler nie, weder zu Hause noch am Arbeitsplatz. Dafür war es zu selbstverständlich. Die Mur-Mürz-Furche, heute eine Region, die mühsam versucht, den Wandel zum Tourismus zu vollziehen, war damals der Stahlstolz der Nation. In jedem Schulbuch lernte man über die 1975 gegründeten (und 1988 zugrunde gegangenen) "Vereinigten Edelstahlwerke" (VEW), die Wirtschaft florierte, Arbeit gab es genug, die SPÖ stellte überall die Mehrheit.

Dank Bruno Kreisky fuhren die Kinder – drei Söhne, eine Tochter – gratis ins Gymnasium nach Mürzzuschlag, Schulbücher gab es umsonst. Im Sommer schickte die Familie den Nachwuchs? mit der sozialistischen Jugendorganisation "Kinderfreunde" auf Sommerlager, zu Weihnachten holten sie sich von ihnen immer das Jahresgeschenk, meist ein Buch. Vor seiner Pensionierung? als Oberamtsrat war Mäxchen angesehener Gemeindesekretär in Kapellen. Eine Parteikarriere machte er nicht, auch wenn er diverse Ehrennadeln für die Dauer seiner Mitgliedschaft bekam.? Er ist, was er seit 43 Jahren ist: einfaches Parteimitglied.

Die Pöttlers aber sind auf der sozialen Leiter ein paar Sprossen hochgeklettert, aus einem unterprivilegierten Arbeiterhaushalt wurde solider Mittelstand – so, wie es die Partei in ihren Broschüren proklamierte. Vielleicht auch deshalb blieben die Kinder der Partei treu: Der Älteste und der Jüngste begannen ein Studium in Wien, engagierten sich beide bei den sozialistischen Studenten, wechselten als Pressesprecher in die Parteikommunikation und sind heute Unternehmer. Die Tochter ist nebenbei als Gemeinderätin in Neuberg aktiv, der Mittlere, ein Polizist, in der roten Personalvertretung. "Ich habe keinem meiner Kinder gesagt, ihr müsst zur SPÖ gehen", sagt der Vater der kleinen roten Dynastie.

Erst mit dem Engagement des Nachwuchs begannen die Pöttlers mehr "über die Partei" zu sprechen. Die ORF-"Pressestunde" verfolgt man intensiv. Bei den Wahlen fiebert man mit. Wenn eines der Kinder in den Nachrichten kurz zu sehen war, berichtet man es stolz den (bürgerlichen) Nachbarn. Bei den letzten steirischen Gemeinderatswahlen klebte der Vater ein SPÖ-Plakate auf seine Gartenscheune – so, dass es die Anrainer keinesfalls übersehen konnten.

"Und, wie geht's uns?", fragt Pöttler senior seine Söhne immer, wenn sie ihn besuchen kommen – und meint damit die Partei. SPÖ-Chef Alfred Gusenbauer findet er in Ordnung. "Ich lese viele Zeitungen, überall steht, er ist ein g'scheiter Bursch. Nirgendwo steht, er ist ein Trottel." Bei den Wahlen wird es sich für die SPÖ "knapp oder gar nicht ausgehen", glaubt er. Das Verhältnis zu seiner Partei ist nach 43 Jahren intensiver geworden. Und: Früher kam der Parteikassier vierteljährlich, um den Mitgliedsbeitrag zu kassieren. Jetzt kommt er nur mehr ein Mal, meist vor Weihnachten. (Barbara Tóth/DER STANDARD, Printausgabe, 29./30.4./1.5.2006)

  • Max Pöttler (67): 
Pensionierter Beamter aus Neuberg in der Steiermark und seit 43 Jahren einfaches Parteimitglied der SPÖ.
    foto: christian fischer

    Max Pöttler (67): Pensionierter Beamter aus Neuberg in der Steiermark und seit 43 Jahren einfaches Parteimitglied der SPÖ.

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