Der pragmatische Weltverbesserer

13. Oktober 2006, 20:03
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Willi Mernyi hat seinen Traum von der klassenlosen Gesellschaft nie aufgegeben

Die Jausenfrage machte die Hierarchien deutlich. Seine Lehre bei der Wiener Firma Elin, das war auch ein Lehrstück, was die Theorie der Klassengesellschaft in der Praxis bedeutet. "Wennst Elin-Lehrling bist, erlebst jeden Tag die Klassengesellschaft. Wurstsemmeln holen war eine Frage der Klasse – das musste immer der Lehrling im ersten Lehrjahr. Die größte Drecksarbeit machen auch."

Gerade weil Willi Mernyi, Lehrling im ersten Lehrjahr, Tag für Tag die Klassengesellschaft zu spüren bekam, faszinierte es ihn, abends das Parteiprogramm der SPÖ zu lesen: "Da stand die Vision von der klassenlosen Gesellschaft drin. Das war doch was!" Mernyi wollte weder länger Semmeln holen noch Drecksarbeit machen, noch in der Klassengesellschaft leben. Und trat mit 17 der SPÖ bei.

Das war vor 20 Jahren. Die "klassenlose Gesellschaft" ist mittlerweile aus dem Parteiprogramm gestrichen. Eine der wenigen Spuren, die Viktor Klima in der SPÖ hinterlassen hat. Mernyi ist aber immer noch SPÖ-Mitglied: "Ich würde nie wegen einem Parteivorsitzenden austreten. Weil – ich bin auch nicht wegen einem Vorsitzenden eingetreten, sondern wegen des Programms." Idealismus lässt sich von der Realität nicht so leicht beeindrucken. Insofern ist es fast logisch, dass alle Polithelden Mernyis schon tot sind: Rosa Jochmann, Antifaschistin. Alfred Dallinger, Sozialminister. Che Guevara, Revolutionär.

Die Ideen der drei sind für Mernyi aber höchst lebendig. Und irgendwie lebt der bullige 37-Jährige in seiner persönlichen Vision von der Sozialdemokratie auch einen Mix seines Vorbildtrios. Die Fragen des Sozialstaats und der Gerechtigkeit sind der Grund, warum er unverdrossen der SPÖ die Treue hält: "Da setzt sich sonst keiner so dafür ein." Revolution kann es für Mernyi nie genug geben, der Aufmarsch der SPÖ auf dem Rathausplatz, zu dem er seit 22 Jahren an jedem 1. Mai hingeht, ist eine seiner Lieblings-Parteiveranstaltungen.

Antifaschismus ist dabei die einzige Konstante, die sein Vater zum politischen Weltbild beigesteuert hat: "Der war konservativer Donauschwabe, zuerst unter den Nazis im Häfn, dann unter den Partisanen, dann nach Wien vertrieben. Alles, was mit "-ismus" aufhört, kannst vergessen, hat er immer gesagt." Mernyi wurde trotzdem Sozialist. Leitet heute den Verein "Mauthausen Komitee Österreich", kann jeden Jörg-Haider-Spruch über die "anständigen" Menschen bei der Waffen-SS aufzählen – und hat sich über kaum eine Aktion der SPÖ in den vergangenen Jahren mehr gefreut als über die, die "braunen Flecken" in der SPÖ aufzuarbeiten: "Endlich! Das war höchste Zeit."

Nicht dass Mernyi da viel mitzureden gehabt hätte: "Ich bin froh über den Status eines einfachen Parteimitglieds. Das soll auch so bleiben." Das liegt nicht an mangelndem Mut oder an mangelnder Artikulationsfähigkeit – im Gegenteil: Goschert war Mernyi immer, und das im breitesten Wienerisch. Aber noch vor der SPÖ ist Mernyi der Gewerkschaft beigetreten, an den Abenden der Gewerkschaftsjugend hat er das SPÖ-Programm für sich entdeckt. Die Gewerkschaft war Erste – und blieb immer Erste: "Meine höchste politische Instanz als Junger war der Betriebsrat." Die SPÖ konnte da nie mithalten. Später war die Instanz der ÖGB. Mernyi ist halt ein treuer Revolutionär.

Denn später, da gab es keinen Betrieb mehr für Mernyi: Ausgelernt hat er noch bei Elin, interessiert hat ihn dort aber eigentlich nur seine Funktion im Betriebsrat: "Organisieren, reden, das hat mir immer getaugt. Ich war schließlich auch schon Schulsprecher. Aber der Beruf als Starkstrommonteur, das hat mir nie etwas gegeben. Der Vater, der Elektroinstallateur war, hat gesagt, das soll ich lernen. Ich wollte eigentlich Polizist werden – aus dem Motiv der Gerechtigkeit."

Also Schluss mit Elin, Einstieg ins Kulturmanagement. Das war zwar interessant, Energiebündel Mernyi konnte sein Organisationstalent ausleben, bloß: Die Politik, die kam zu kurz. Also kehrte Mernyi zu seiner alten Liebe ÖGB zurück – und bemühte sich dort, seinen Künstlerbart zu behalten und Eventmanagement zu verwirklichen. Als Leiter des Kampagnenreferats waren die Streiks gegen die Pensionsreform der Regierung seine große Stunde: "Da haben wir gezeigt, was wir schaffen, wenn wir keine Angst vor der eigenen Organisationskraft haben. Die Aktion ist von den Betrieben getragen worden, das hat mir getaugt. Durch die Großdemo im Hagel ist ein richtiger Mythos entstanden."

Derzeit ist Mernyi weniger mit Aktion als mit Reaktion beschäftigt: Er telefoniert all denen nach, die wegen der Bawag-Affäre aus der Gewerkschaft austreten. Und findet, als ewiger Optimist, auch daran etwas Positives: "Manche haben eine derart klasse Kapitalismuskritik, da fragt man sich, warum die nicht schon lange bei uns aktiv waren." Vielleicht, weil der ÖGB sich eher dem Kapitalismus als der Kapitalismuskritik widmete? – Darauf antwortet Mernyi mit einem Satz aus seinem reichen Zitatenschatz: "Bert Brecht hatte schon Recht. Es ist das größere Verbrechen, eine Bank zu gründen, als eine Bank auszurauben."

ür solche Grundsatzüberlegungen ist es aber zu spät. Jetzt bleibt nur mehr der Weg, das Schlamassel für Reformen zu nutzen. Da kommt selbst Frohnatur Mernyi ins Seufzen, denn in der Gewerkschaft geht ihm manches zu langsam: "Wenn wir's jetzt nicht schaffen, kriegen wir nie einen Reformkurs zusammen." Eine prinzipielle Lehre hat er aber für sich aus dem Bawag- Debakel gezogen: "Die Gewerkschaft sollte mehr auf den außerparlamentarischen Weg setzen." Das sei kämpferischer – und bringe auch weniger Konflikte, weder für die SPÖ noch für den ÖGB. Außerdem ist einem Weltveränderer, der von der Basis kommt wie Mernyi, der außerparlamentarische Weg immer der logischere. Wozu ist er schließlich NLP-Trainer?

Und zu seinen großen Zielen steht der zweifache Vater Mernyi, egal, welche Reaktion sie auslösen: "Da können Sie ruhig lachen. Aber ich will die Welt verändern. Und das geht nur in einer großen Organisation wie der SPÖ und der Gewerkschaft." Dieser Glaube, dass Kleine nie verändern, hat Mernyi auch immer davon abgehalten, zu den Grünen zu wechseln: "Ich habe mir oft überlegt, ob die nicht die bessere Partei für mich wären. Bei manchen Positionen sind sie mir näher als die SPÖ, etwa wenn es um Integration oder Ausländer geht. Aber ich bin auch Realist. An jeder großen Organisation passt einem etwas nicht."

Außerdem ist Mernyi zwar schon lange nicht mehr Arbeiter – sein politisches Denken kreist aber immer um Arbeiter und "kleine Leute". Das grüne Bobo-Milieu ist nicht seine Welt, teure Rotweine auch nicht, Penthäuser sowieso nicht. Seine politischen Glückserlebnisse bezieht er nicht in Elitezirkeln, sondern in Firmenkontakten: "Mir taugt am ÖGB die Nähe zu den Betrieben. Das ist das Beste." Zumindest solange die klassenlose Gesellschaft nicht verwirklicht ist. (Eva Linsinger/DER STANDARD, Printausgabe, 29./30.4./1.5.2006)

  • Willi Mernyi (37): Vom Strommonteur zum Leiter des ÖGB-Kampagnenreferats, derzeit weniger mit Aktion als mit Reaktion beschäftigt.
    foto: christian fischer

    Willi Mernyi (37): Vom Strommonteur zum Leiter des ÖGB-Kampagnenreferats, derzeit weniger mit Aktion als mit Reaktion beschäftigt.

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