Einserfrage: Bawag vor dem Abgrund?

1. Juni 2006, 07:54
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Franz Hahn, Bankenexperte des Wifo sieht keine Gefahr für Kreditnehmer - Vertrauensverlust als größter Schaden

derStandard.at: ÖGB-Vorsitzender Rudolf Hundstorfer beschreibt die Situation der Noch-Gewerkschaftsbank Bawag als "dramatisch". Besteht für die Gewerkschaftsbank eine reale Existenzgefährdung?

Hahn: Ich glaube nicht, dass die Bank in ihrer Existenz gefährdet ist. Man weiß natürlich nicht genau, ob tatsächlich alle Risken auch offen liegen. Die Bank darf aber schon auf Grund ihrer Größe und Wichtigkeit für den Finanzplatz Österreich nicht gefährdet werden. Man wird also versuchen, die Bank mit allen Mitteln zu retten. Schon deshalb, um die Kosten der Schieflage der Bawag für die anderen Banken und den Finanzplatz Österreichs so gering wie möglich zu halten.

derStandard.at: Das heißt, dass die Republik Österreich einspringt.

Hahn: Man wird die Bawag - eine Bank dieser Größenordnung - sicher nicht dem Bankrott ausliefern. Das wäre für den Finanzplatz Wien eine Katastrophe. Der Fall hat mittlerweile eine Größenordnung entwickelt, bei der die Bawag nicht mehr alle Kosten selber tragen kann. Und man wird von Seiten Österreichs alles versuchen, um die Bank durch diese Phase zu bringen. Wie in anderen Ländern übrigens auch. Was danach passiert, weiß man nicht.

derStandard.at: Sind 100 Prozent-Töchter wie die PSK irgendwie gefährdet?

Hahn: Ich glaube nicht, dass die PSK über das bisherige Ausmaß hinaus betroffen ist. Unter den aktuellen Umständen wird der Bund seinen Zahlungsverkehr - als Zeichen des Vertrauens - sicher weiter über die PSK als zentrale Bankstelle abwickeln.

derStandard.at: Haben Kreditkunden etwas zu befürchten?

Hahn: Die Kreditkunden können in dem Maße betroffen sein, dass die Bank bei der Konditionierung der Kredite etwas genauer rechnet und nicht mehr so großzügig wie früher sein kann. Es besteht aber kein Bedarf, aus Liquiditätsgründen Kredite fällig zu stellen. Denn die anderen Banken und die Nationalbank wird die Bawag natürlich stützen.

derStandard.at: Was hätte die Pleite einer Großbank wie der Bawag für Folgen?

Hahn: Das größere Problem ist, dass der Bank zunehmend von den Kreditoren und Einlegern das Vertrauen entzogen wird. Es wird außerdem einiges kosten, wenn sich das Rating entsprechend verschlechtert. Es werden also hohe zusätzliche Kosten anfallen, die nicht unbedingt mit den faulen Krediten und den fragwürdigen Geschäften zusammenhängen.

derStandard.at: Wie groß ist die Gefahr, dass die Bank an die Refco-Gläubiger zahlen muss?

Hahn: Jetzt wird einmal versucht, einen außergerichtlichen Vergleich zu verhandeln. Die Bank wird versuchen, so schnell wie möglich aus der öffentlichen Diskussion rauszukommen, um den Reputationsschaden so gering wie möglich zu halten. Das sind allerdings keine Schuldeingeständnisse. Ein langer Rechtsfall, insbesondere wenn er in den USA ausverhandelt und immer wieder in der Öffenlichkeit diskutiert wird, verursacht einen viel größeren Schaden, als wenn man etwas mehr Geld in die Hand nimmt. (mhe)

Zur Person: Franz Hahn ist wissenschaftlicher Mitarbeiter des Wirtschafts­forschungs­instituts und unter anderem Experte für Finanzmärkte und Geldpolitik.

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