Der Mann, der sitzend hüpft

3. Mai 2006, 11:42
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Österreich muss noch gegen die Niederlande und vor allem gegen Polen bestehen - Teamchef Boni gibt zwei­sprachig ein Ziel vor

Manchmal erinnert Jim Boni an eine DVD, auf der du dir einen Film in der Director's-Cut-Version ansiehst, ungeschnitten also, wobei sie jene Abschnitte, die für die Kinoversion weggefallen sind, seinerzeit natürlich nicht synchronisiert haben. Und die DVD springt jetzt hin und her zwischen der Sprache, die du dir ausgesucht hast, und jener, in der sie den Film tatsächlich gedreht haben. Boni also auf Deutsch, quasi ausgesuchte Sprache: "Wir konzentrieren uns auf unser Spiel." Und auf Englisch, quasi in Originalsprache: "We gonna have fun. Let's win this tournament."

Österreichs Eishockey-Teamchef sitzt in der Lobby des Tallinner Hotels Viru und hüpft im Sitzen hin und her. Deutsch spricht er nahezu perfekt, kein Wunder, der 42-jährige Italo-Kanadier hat selbst in Deutschland Eishockey gespielt, hat vier Jahre lang den ERC Ingolstadt gecoacht und steht seit 2003 bei den Vienna Capitals hinter der Bande. Doch wenn Boni spontan auf eine Frage reagiert oder etwas besonders betonen will, ist er plötzlich in der Eishockey-Amtssprache, also auf Englisch unterwegs.

Manchmal legt er mitten im Satz den Hebel um, das klingt dann so: "I'm really proud auf meine Mannschaft." Oder auch so: "Ich bin voll begeistert with my team." Nach dem Abstieg aus der A-Gruppe hatte Boni den Kärntner Herbert Pöck als Teamchef abgelöst. Bis dato hat man allen Grund zur Annahme, dass das Unterfangen Wiederaufstieg ein erfolgreiches sein wird, und Boni hat allen Grund, proud und begeistert zu sein. Die Österreicher haben es sich zweimal selbst nicht leicht gemacht und dennoch gewonnen (3:1 gegen Estland, 5:3 gegen Litauen). Im direkten Duell mit Polen geht's am Samstag (12) um einen Platz bei der A-WM 2007 (Moskau, St. Petersburg), das Match heute, Freitag (15:30, jeweils TW1), gegen die Niederlande ist, so gesehen, nicht entscheidend.

Und so redet der in der Hotel-Viru-Lobby sitzende Boni nicht nur halb Deutsch, halb Englisch, sondern auch halb über die Niederlande, halb über Polen. Am Freitag hütet Gert Prohaska das Tor, Reinhard Divis konzentriert sich auf den Samstag. Wie erwartet, sind die Polen der größte Gegner, sie stützen sich auf Mariusz Czerkawski, der 34-Jährige hat 787 NHL-Spiele in den Beinen. Boni: "Wir sind die Besten hier, wir können laufen, laufen." Nach jedem WM-Sieg erklingt die österreichische Hymne, dreimal en suite hat man sie zuletzt 1992 in Klagenfurt gehört, ebenfalls Abteilung B. Auch heuer will man ohne Punktverlust aufsteigen. "Fünf Siege" lautete Bonis Ziel vorm Turnier, "daran hat sich nichts geändert".

Und so will der Teamchef nichts davon wissen, dass man gegen die Niederlande nicht unbedingt gewinnen muss. Das nennt er "Bullshit". Doch so aufregend, dass ihm ein "Stiershit" oder "Bullgacki" auskommen würde, ist es dann auch wieder nicht. (DER STANDARD, Printausgabe, Freitag, 28. April 2006)

Fritz Neumann aus Tallinn
  • Österreichs Teamchef Jim Boni dirigiert zweisprachig, Spieler Martin Ulrich (re) versteht beides und musiziert dann auf dem Eis in Tallinn.
    foto: derstandard/corn

    Österreichs Teamchef Jim Boni dirigiert zweisprachig, Spieler Martin Ulrich (re) versteht beides und musiziert dann auf dem Eis in Tallinn.

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