16. Mai 2006, 13:41
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Das Mai-Cover des amerikanischen Magazins "Vanity Fair" ist schick wie immer und grün wie noch nie. Für das Foto haben sich Julia Roberts, George Clooney, Robert F. Kennedy und Al Gore zusammengefunden, um nichts Geringeres als "eine neue amerikanische Revolution" auszurufen. Im Leitartikel resümiert Chefredakteur Graydon Carter, dass die Bush-Regierung die katastrophalste Umweltpolitik in der Geschichte Amerikas betrieben habe. Noch Schlimmeres stehe bevor, es sei seit Zeit, zu handeln. Daher das erste "Green Issue" von Vanity Fair.

Regierungskritische Reportagen

Das Monatsmagazin aus dem Hause Condé Nast lässt sich ebenso leicht unter- wie überschätzen. Als gelungene Wiederbelebung eines Klatschblattes des frühen 20. Jahrhunderts fährt es seit den Achtzigern auf Erfolgskurs. Die Auflage liegt bei über einer Million, die Leserschaft rekrutiert sich aus der kauffreudigen urbanen Schicht, und entsprechend platzt es vor Anzeigen. Doch "Vanity Fair" ist auch für seine gut recherchierten und zunehmend regierungskritischen Reportagen bekannt.

Amerikanische Metropolen 25 Meter unter Wasser

Die "grüne Ausgabe" eröffnet mit einem Essay von Al Gore, in dem der Ex-US-Vizepräsident den Bogen vom Weltuntergangsszenario zu einem hurrapatriotischen Ausblick auf die Machbarkeit der Zukunft schafft. Ferner enthält sie eine Analyse der Klimaerwärmung, außerdem zeigen Fotomontagen amerikanische Metropolen bis zu 25 Meter unter Wasser.

"Öko-Helden"

Hauptjahrmarkt für das Thema Grün aber ist eine fast 30 Seiten lange Fotostrecke, die Umweltaktivisten jeder Couleur vorstellt. Neben weniger bekannten Watchdog-Gruppen. Designern und "E-gitatoren" finden sich Filmstars, Manager, die Friedensnobelpreisträgerin Muta Maathai und eine so überraschende Wahl wie Schwarzenegger (wegen der Emissionsgesetze) oder der BP-Chef Lord John Brown (wegen "Beyond Petroleum"). Prominenz eben, opulent als "Öko-Helden" inszeniert.

Umweltskandale

Die Mischung macht's nicht. Gepriesen werden Hybridautos, geworben wird weiterhin für SUV-Monstren (der Chefredakteur hat laut ABC News übrigens gerade eines gekauft). Die Absichten des BP-Lords mögen lauter sein, doch in der Woche nach Erscheinen des Hochglanzblatts war der Konzern in zwei Umweltskandale verwickelt.

Öko-Windeln

Julia Roberts mag für Öko-Windeln eintreten, der Leser erfährt aber vor allem, dass ihr Kleid von Bill Blass ist (und Kennedys Haar mit Kiehl's gestylt wurde usw.).

"Don't just sit there, turn the page!"

So bleibt das Grüne unterm Rechenstrich ambivalent. Es ist das Dilemma der Liberalen mit den Silberlöffeln, das sich hier ausbreitet wie Hochwasser. Sie wollen etwas tun, aber sie wollen einiges Wesentliche nicht ändern, nämlich genau dort nicht, wo es an die Wurzeln gehen würde. Darum passt der schaumgebremste Rat der Redaktion wie maßgeschneidert: "Don't just sit there, turn the page!" (Michael Freund/DER STANDARD, Printausgabe, 28.4.2006)

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    Schicke Ökos: Julia Roberts, zu ihren Füßen (von links): Robert F. Kennedy jr., George Clooney, Al Gore am "Vanity-Fair"-Cover.

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