Kolumbiens Kreislauf der Gewalt

9. August 2006, 12:52
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"Ärzte ohne Grenzen": Häufigste Todesursache für Männer unter 50 ist Mord

Opfer einer Gewalttat zu werden ist in Kolumbien für Männer unter 50 bereits die häufigste Todesursache, stellen die "Ärzte ohne Grenzen" in einem umfassenden Bericht fest.

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Bogotá/Wien – "In manchen Gegenden leiden die Menschen unter extremen Angstsyndromen. Bis zu dreißig Prozent hatten dort traumatische Erlebnisse, etwa weil ein Familienmitglied entführt oder getötet worden ist. Wir wollten aufzeigen, dass in Kolumbien die Gewalt die Ursache der Misere, auch im Gesundheitsbereich ist." Telefonisch berichtete der Tiroler Mario Thaler, 30, Projektleiter von Ärzte ohne Grenzen in Bogotá, dem Standard, warum die Hilfsorganisation unter dem Titel "Leben in Angst" am Donnerstag der Weltöffentlichkeit einen umfassen Bericht über "Kolumbiens Kreislauf der Gewalt" präsentierte.

Mehr als drei Millionen Menschen, so haben die "Médicins Sans Frontières" (MSF) erhoben, mussten in Kolumbien ihren Wohnort verlassen. Opfer von Gewalt zu werden, sei in Kolumbien die häufigste Todesursache. 221 von je 100.000 Männern und 17 von je 100.000 Frauen werden zu Opfern von Mord und Totschlag. Bewohner von ländlichen Regionen werden oft beschuldigt, bewaffnete Gruppen zu unterstützen. Für MSF, seit 20 Jahren in Kolumbien tätig, macht es keinen Unterschied, ob es um linke Guerril 2. Spalte leros oder rechte Milizen geht. Ihnen geht es um "die Zivilbevölkerung, die zwischen die Mühlsteine kommt" (Thaler).

Ihre Wohngebiete werden zunehmend isoliert, es gibt kaum eine Gesundheitsversorgung, Impfprogramme (etwa gegen Kinderlähmung) werden nicht durchgeführt.

Viele tausende sind aus den Konfliktzonen in städtische Slums geflohen. Dort würden sie, so haben Flüchtlinge berichtet, von den Nachbarn erst recht als Außenseitern, als "schlechte Leute" stigmatisiert. Das MSF-Team in Kolumbien (82 Personen, darunter 25 Ärzte) versucht auch, in städtischen Slums eine me 3. Spalte dizinische Versorgung aufzubauen. Die dort gelandeten Menschen hätten zwar ein Recht auf staatliche Versorgung, viele haben aber Angst, sich registrieren zu lassen.

Anders am Amazonas

Nicht überall in Kolumbien herrscht Krieg und Gewalt. MFS berichten auch von pulsierenden, modernen Städten, in denen man von dem seit vier Jahrzehenten andauernden Konflikt auf den ersten Blick nichts merkt. Und bei einer Lateinamerika-Konferenz in Wien (siehe nebenstehender Artikel) berichtete Martin von Hildebrand, Träger des alternativen Nobelpreises, über 4. Spalte große Fortschritte bei der Indio-Selbstverwaltung im Amazonasgebiet Kolumbiens. Mit Förderung der EU und der österreichischen Entwicklungszusammenarbeit werden in dieser 20 Millionen Hektar großen und außerhalb der bewaffneten Konflikte liegenden Region des Regenwalds die rund 18000 dort lebenden Indigenas beim Aufbau der Verwaltung sowie bei Gesundheits- und Erziehungsprojekten unterstützt.

Seit 1991 gibt die Verfassung Kolumbiens der originären Bevölkerung das Recht auf Selbstverwaltung. Das Unterstützungsnetzwerk "Gaia Amazonas" hilft den Indio-Ge 5. Spalte meinden dabei, lokale Verwaltungsstrukturen, Erziehungs- und Gesundheitseinrichtungen aufzubauen, wobei Traditionen und Wissen der Urbevölkerung die Basis bilden.

Viel schlechter geht es jenen Kolumbianern, die aus den Städten, wo sie keine Arbeit fanden, wieder in ihre Heimatorte in Konfliktgebieten zurückkehren. "Dort hat sich die Situation geändert", berichtet MSF-Helfer Thaler. Sie finden sich nicht zurecht und leben, ohne medizinische und psychologische Betreuung, in Angst vor neuer Gewalt. (Erhard Stackl/DER STANDARD, Printausgabe, 28.4.2006)

  • Eine Helferin der "Ärzte ohne Grenzen" beim Einsatz in Kolumbien: Ihr Bericht über das "Leben 
von vielen tausenden Menschen 
soll die Öffentlichkeit aufrütteln.
    foto: msf

    Eine Helferin der "Ärzte ohne Grenzen" beim Einsatz in Kolumbien: Ihr Bericht über das "Leben von vielen tausenden Menschen soll die Öffentlichkeit aufrütteln.

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