Taschengeldräuber.com: Kinder im Visier von Internet­-Geschäfte­machern

11. Mai 2006, 13:52
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Geldausgeben ist kinderleicht! Deswegen werden Handy und Internet immer häufiger genutzt, um die Kaufkraft von Kindern und Jugendlichen abzuschöpfen

Jens Bögemann lässt sich so leicht nicht aus der Ruhe bringen. Wenn der gemütliche Produktchef der Berliner Firma Jamba auf einer Party erzählt, wo er arbeitet, lautet die erste Reaktion oft: Ach ja, die Kinderabzocker. Die meisten Kritiker haben sich schon einen Satz später wieder eingekriegt und schicken Bögemann eine Bitte hinterher: Kannst du mir einmal einen Klingelton besorgen? Mit Handygedudel ist die in einer Kreuzberger Fabriketage gegründete und mit mittlerweile 520 Mitarbeitern wenige Meter neben dem Deutschen Dom residierende Firma groß geworden. Längst sind alle möglichen Dienste rund um Handy und Internet dazugekommen, doch das Klingelton-Image ist haften geblieben.

Kritik

In die Kritik geriet Jamba wegen des Abo-Modells. Gewöhnlich wollen die Kunden nur einen bestimmten Klingelton, aber um ihn zu kriegen, müssen sie ein Abo erwerben. Die wenigsten laden monatlich alle angebotenen Töne runter. Viele kapieren erst nach einiger Zeit, dass sie einen laufenden Vertrag haben und wie sie ihn wieder loswerden können. Wer, wie die meisten Kinder, eine Prepaidkarte fürs Handy hat, sieht nie eine Rechnung.

Abo-Modell

Als in einer Telefonbefragung herauskam, dass nur "ein niedriger einstelliger Prozentsatz" zufällig ausgewählter Besteller unter 16 Jahre ist, waren alle bei Jamba überrascht. Auch Bögemann, aber er hat eine Erklärung dafür: Die Schul-Kids von heute tauschen Klingeltöne mit Freunden, wissen, wo es welche gratis gibt oder wie man sie selber programmiert. Reklamieren Eltern, dass ihre Kinder ohne ihr Einverständnis Abos bestellt haben, erstattet Jamba in den meisten Fällen das Geld zurück, betont Bögemann stets. Schließlich wolle die Firma nicht in kurzer Zeit viel Geld scheffeln, sondern auf Dauer bestehen. Auf Druck von Konsumentenschützern hat Jamba die Vertragsbedingungen transparenter gemacht, aber am Abo-Modell wurde nicht gerüttelt.

Geld ausgeben

Nie verfügten Kinder und Jugendliche über so viel Geld wie heute. Und nie war es so leicht, es auszugeben. Das Internet ist ein Shop, das Handy ein Zahlungsweg. Und immer neue Geschäftsmodelle entstehen, um jugendliche Kaufkraft abzuschöpfen. Habbohotel heißt eine der weltweit beliebtesten Webseiten der Zwölf- bis Achtzehnjährigen. Ihr Reiz, der immerhin monatlich fünf Millionen Besucher anzieht, erschließt sich nicht auf Anhieb. Ist es die Mischung aus Chat und Rollenspiel? Oder dass es im Gegensatz zu anderen Onlinerollenspielen zuerst einmal gratis ist?

Habbohotels

Auch zu den Fans des Habbohotels gehört die Werbebranche. Die virtuellen Räume, in denen sich die sonst schwer erreichbaren Jugendlichen tummeln, sind ein willkommenes Experimentierfeld für Kampagnen von Coca Cola bis L'Oréal. Viele "Habbos" geben sich nicht mit dem quasi durch die Werbung finanzierten Minimalprogramm (Standardzimmer) zufrieden, sondern lassen es sich etwas kosten, die im Chat gewonnenen Freunde in cooler Umgebung zu empfangen. Von Lederstühlen über Fernseher bis zur Quietschente fürs Bad ist alles ausgepreist. Eine Hand voll davon gibt es geschenkt, alles Weitere muss bezahlt werden. Das geht per Premium-SMS oder Anruf einer Mehrwertnummer. Da können rasch einige Hundert Euro zusammenkommen, wie im Internet dokumentierte Erfahrungen deutscher und Schweizer Familien zeigen, bevor der virtuelle Konsum pro "Habbo" auf 10 Euro wöchentlich eingeschränkt worden ist.

Gelegenheit zum Geldausgeben

Gelegenheit zum Geldausgeben gibt es aber nicht nur im Onlinespiel selbst. Die Hoteltapete fürs Handydisplay gibt es ab zwei Euro, um fünf ist ein virtuelles Tier im Angebot: "Danach lebt das Wesen in Deinem Handy! So hast Du immer was zu tun!" Neuerdings expandiert die Firma Sulake nicht nur mit weiteren Länderversionen des Habbohotels - zuletzt für China und für Südkorea, auch Habbohotel.at ist geplant -, sondern auch durch Lizenzartikel. In den vergangenen Wochen wurden die Besucher der deutschen Seite mit einem Gewinnspiel gelockt, ihre Hits aufzulisten. Eine CD mit den Lieblingssongs der Habbos könnte im Herbst auf den Markt kommen, sagt Bernd Conrad vom deutschen Lizenzpartner Jetix. Brett- und Kartenspiele seien in Vorbereitung, etwas länger wird man auf Bettwäsche im Habbo-Look warten müssen. Über eine Fernsehserie wird nachgedacht.

Das Medienverhalten Minderjähriger

So ist das Habbohotel nicht nur der "sichere Ort, an dem sich Jugendliche kennen lernen und chatten können" (Eigenwerbung), sondern auch beispielhaft für die kommerziellen Verwertungsketten, die heute um das Medienverhalten Minderjähriger geknüpft werden. Eine Altersstufe jünger, bei den Sieben- bis Elfjährigen, gibt Super RTL den Ton an. Für Konsumentenschützer sind Habbohotel oder Super RTL kein Thema, und auch Jamba ist praktisch durch, werden sie doch von Firmen auf Trab gehalten, die viel skrupelloser nach dem Taschengeld der Minderjährigen greifen. Die Klagen über Onlineabzocker haben sich seit Jahresbeginn verdreifacht. Mit Gewinnspielen und vermeintlichen Gratisangeboten, die sich erst bei genauem Lesen als kostenpflichtige Abos für oft läppische Dienste oder Inhalte entpuppen, locken das Wiener Vater-Sohn-Gespann "Fritzmann" oder die deutschen "Schmidtlein-Brüder" vor allem Minderjährige in die Falle.

Mahnschreiben

Zum Beispiel Kevin Smretschnig aus Wien. Der Zwölfjährige wollte, dass seine Mutter die Lieder ihres verehrten Frank Sinatra endlich richtig mitsingen konnte. Auf der Suche nach den Liedtexten stieß er auf www.songlines-heute.com. Die Seite schien vielversprechend, und zumal von "gratis" die Rede war, meldete er sich an. Als die Eingabemaske sein korrektes Geburtsjahr verweigerte, machte er sich sieben Jahre älter. Trotz Registrierung kam er nicht weiter und vergaß die Sache, bis er zwei Wochen später per Mail eine Rechnung der Firma Schmidtlein über 84 Euro erhielt. Gratis wäre die Nutzung der Seite nur bei Kündigung bis Mitternacht des Tages der Anmeldung, die Widerrufsfrist war beim Eintreffen der E-Mail gerade abgelaufen. Nur zwei Wochen später folgte bereits ein Mahnschreiben, die Forderung war auf 123 Euro angewachsen.

"Halsabschneiderei"

Neuerdings bieten die Schmidtleins an, Verträge als hinfällig zu betrachten, falls die Angemeldeten zum Zeitpunkt des Abschlusses minderjährig seien, und drohen im Gegenzug mit einer Betrugsanzeige wegen des gefälschten Alters. Auch Kevin Smretschnig malt sich aus, dass die Sache mit einem Monat Internetverbot nicht erledigt ist. Obwohl er sich als Opfer einer "Halsabschneiderei" sieht, will er lieber 123 Euro von seinem Ersparten abzweigen, als eine Vorstrafe riskieren. Der Zwölfjährige sorgt sich wohl zu Unrecht: Einschüchterung sei ein fixer Teil der Strategie, erklärt Verbraucherexperte Michael Dunkl. Gingen die Abzocker tatsächlich vor Gericht, müssten sie ihre obskure Praktik offen legen.(Der Standard, Rondo, 28.4.2006, Stefan Löffler)

  • Das Habbohotel ist nicht nur der "sichere Ort, an dem sich Jugendliche kennen lernen und chatten können" (Eigen­werbung), sondern auch beispielhaft für die kommerziellen Verwertungs­ketten, die heute um das Medien­verhalten Minder­jähriger geknüpft werden.
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    Das Habbohotel ist nicht nur der "sichere Ort, an dem sich Jugendliche kennen lernen und chatten können" (Eigen­werbung), sondern auch beispielhaft für die kommerziellen Verwertungs­ketten, die heute um das Medien­verhalten Minder­jähriger geknüpft werden.

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