Ausgestorbene Löwinnen

2. Mai 2006, 14:07
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Nachbars meist gelesener Kolumnist F.J. Wagner mokiert sich über deutsche Mütter und den angeblichen Wunsch nach Männern mit Brüsten - längstfällige Zitrone

"Post von Wagner" nennt sich die Kolumne des populärsten Boulevard-Journalisten Deutschlands, Franz Josef Wagner. Der publiziert im meistgelesenen Blatt des Nachbarlandes, wie passend: Bild dir deine Meinung. Und erreicht damit an die 12 Millionen LeserInnen täglich. Als exzentrisch und seiner Schonungslosigkeit und Formulierungskraft wegen von etlichen renommierten Kollegen bebauchpinselt, fällt es ihm anscheinend nicht allzu schwer, tagtäglich neue AdressatInnen für seine Post zu finden; dieser Tage hat er sich auf die holde Weiblichkeit eingeschossen. Aber so hold ist die gar nicht mehr, was das Gemüt eines Machos - Selbstbetitelung - doch betrübt, oder erregt. Wie auch immer.

Da schlägt Familienministerin von der Leyen das von zwischen Eltern partnerschaftlich geteilter Karenzzeit abhängige Elterngeld vor: Entmannung. Wolle sie denn Männer mit Brüsten? Lasst Liebe walten.

Und Heide Simonis tanzt samsnächtlich über den Bildschrim - in ihrem Alter (sie ist mit 63 ein Jahr älter als Wagner) sei dies mit Omas Reizwäsche vergleichbar. Unantastbare Würde futsch!

Und dann wären da noch die deutschen Mütter überhaupt, die faul sind, lieber "Café latte trinken, Schuhe kaufen, Unterhautfettgewebe wegtrainieren, in einem Body-Piercing-Katalog blättern, die Beine übereinanderschlagen, auf Single-Frau tun, einen 20jährigen verführen" anstatt sich um Haushalt und Kinder zu kümmern. Gut, dass Wagner eine Trümmerfrau als Mutter hatte, die Sex nach der Empfängnis der männlichen Kassandra eingestellt hat. Die Löwin, eine ausgestorbene Art.

Die Denkart nach Façon des "konservativen Anarchisten" ist noch lange nicht ausgestorben. Stammtischniveau. Und Lieber F.J. Wagner, deshalb und übrigens,

laut neuer dieStandard-Zitrone sind Sie faul. Denkfaul. Zwei Stunden und 30 Minuten investieren Sie in Schreibarbeit - danach Espresso trinken, Alkoholika trinken, Espresso trinken, in einem Playboy blättern, die Beine breit neben einander stellen, auf Sprachrohr tun, eine 20jährige verführen.

Es ist egal, dass unsere Mutter keine Trümmerfrauen sind. Sie waren nicht 24 Stunden um uns, wir waren nicht unterernährt, sie hatten dennoch keine Freizeit. Wenn sie Freizeit für sich gefordert hätten, dann würden wir heute dennoch leben. Unsere Mütter haben ab und an rotlackierte Fingernägel. Unsere Mütter haben Sex. Unsere Mütter sind Frauen von heute, die sich hoffentlich dagegen auflehnen, von allen Seiten gebasht zu werden. (bto)

  • Lieber Herr Wagner, es beruhigt zu wissen, dass ihre Mutter keine rotlackierten Fingernägel hatte.
    bild: screenshot bild/montage
    Lieber Herr Wagner, es beruhigt zu wissen, dass ihre Mutter keine rotlackierten Fingernägel hatte.
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