Stadt, Land, Fluss

29. Mai 2006, 23:10
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In beinahe jedem Schloss, Herrenhaus oder Kellergewölbe in Schottland kann auf einen Geist stoßen, wer guten Willens ist

Eine durchnässte Gestalt nach der anderen folgt dem Mann mit dem schwarzen Umhang über die schmale Stiege hinunter in die Kellergewölbe nahe der South Bridge in Edinburgh. Hier ist es zwar trocken, aber verdammt finster und gruselig. Kaum wollen die Besucher der "Haunted Underground Tour" ihrem jungen Guide glauben, dass hier Menschen ganz ohne Tageslicht nicht nur arbeiten, sondern auch hausen mussten.

Rund um ein kleines, leicht zu verteidigendes Gebiet unter den schroffen Hängen des Castle Rocks war um 1450 die erste wirkliche Stadtmauer von Edinburgh errichtet worden. Der Wohnraum in dieser Altstadt war bald so knapp, dass man gezwungen war, bis zu zwölfstöckige Mietshäuser zu errichten. Aufgrund der Topographie von Edinburgh, die Stadt liegt an sieben Hügeln, lagen viele dieser Stockwerke unter dem Straßenniveau. Die Erdkeller dienten erst als Lagerräume, dann bezogen die Allerärmsten diese vogelfreie Zone. Ihre Seufzer sollen heute noch in den muffigen Gewölben die Touristen schrecken, aber auch wer von ihrem kalten Atem verschont bleibt, ist nach der Tour froh, wieder auf ebener Erde anzukommen.

Nicht muffig

Denn hier ist Edinburgh gar nicht muffig, im Gegenteil. Vom nahen Firth of Forth (Firth heißt Fjord) weht eine frische Nordseebrise herüber, das Klima ist so mild, dass schon Ende März der Ginster blüht. Die sieben Hügel geben der Stadt ein sehr ländliches Gepräge, die klassisch grünen Schäfchenwiesen reichen bis ans nagelneue schottische Parlamentsgebäude heran, das kaum zehn Gehminuten vom Zentrum entfernt erbaut wurde. Nicht nur die vielen Studenten schätzen das üppige Grün in der Stadt, der man ihre über 400.000 Einwohner auf den ersten Blick nicht zutraut. Erst wenn man die Stadt in Richtung Perth über die Fourth Road Bridge verlässt, kann man ihre wahre Ausdehnung und ihr durchaus auch industriell geprägtes Gesicht erahnen.

Dafür scheint man auf der anderen Seite des Fjords im Örtchen Culross ins 16. Jahrhundert zurückversetzt. So malerisch wie heute haben die geduckten Häuschen des Dorfes damals aber nicht ausgesehen, erzählt Bill Lessels: "Der Ort war ein wichtiges Zentrum der Salzproduktion", erklärt er. Für die Gewinnung von einer Tonne Salz mussten aber rund zehn Tonnen Kohle verfeuert werden, entsprechend laut, heiß und rußig ging es zu. "Der Hafen hier war größer als Glasgow", erzählt der alte Mann nicht ohne Stolz. Heute kündet nur noch "Culross Palace", ein 1597 erbautes und mit Geldern des National Trust liebevoll saniertes Herrenhaus von der einstigen Bedeutung des Ortes.

Geisterjäger

Natürlich soll es auch in diesen ehrwürdigen Gemäuern bisweilen spuken. Geisterjäger hätten, versichert Lessels, sowohl Gespenster mit ständigem Wohnsitz in "Culross Palace" als auch solche, die nur kurz einmal auf einen Besuch hier vorbeischauen, registriert. Er selbst sei mit seiner Tochter schon einmal Ziel einer Geisterattacke geworden. "Sie ist geschubst worden und hat dann wirklich blaue Flecken bekommen." Seitdem betrete er das Haus mit den Worten: "Ich bin's nur." - Was zumindest die "resident ghosts" beruhigen dürfte, da es bisher zu keinen weiteren mysteriösen Vorfällen gekommen ist.

Jedem Schloss sein Geist scheint überhaupt ein sehr erfolgreiches Vermarktungsmotto in Schottland zu sein, denn auch im ehrwürdigen Glamis Castle, wo die Queen Mum eine recht zugige Kindheit verbracht haben dürfte, verweist man stolz auf eine "Grey Lady", die gerne einmal in der Familienkapelle auftaucht. Im schlosseigenen Shop muss man dann leider auf jedwedes Ghost-Merchandising verzichten, was eine echte Marktlücke ist. Die handelsüblichen Kilts, Picknickdecken und Shortbreads können darüber auch nicht hinwegtrösten.

Richtig spooky wird es erst wieder in Pitlochry in den Highlands. Weil auf den von Heidekraut überwucherten Hochebenen noch so malerisch der Schnee liegt, dürfen dienstfertige Geister im noblen Atholl Palace Hotel guten Gewissens ein gemütliches Kaminfeuer entfachen. Davor räkeln sich dann ältere Damen, die zum Dinner gern in silbernen Tanzschuhen auftreten. Die Herren geben sich dafür umso hemdsärmeliger, auch kein Kilt wird ausgeführt, die werden nur bei besonderen Anlässen aus dem Schrank geholt. Im Veranda-Restaurant mit dem fantastischen Ausblick über die bewaldete Parklandschaft riecht es schon heimelig nach Karfiol, Erbsen und Kartoffeln.

Der Geist wohnt in der Flasche

Alles bleibt harmlos, obwohl die Fama in Gestalt der redseligen Reiseführerin zu berichten weiß, dass auch hier das Grauen zu Hause ist. Noch in den 50er-Jahren des 20. Jahrhunderts musste hier der Bischof selbst zum Exorzismus schreiten, in einem der Turmzimmer sei es gewesen. Spätestens beim Zubettgehen bedauert der in einem der mächtigen Türme untergebrachte Gast, nicht nach der Nummer des betreffenden Zimmers gefragt zu haben. Um zehn Minuten vor Mitternacht kann der Teufel dann nur noch mit dem Belzebub ausgetrieben werden, schließlich wohnt der Geist auch in Schottland in der Flasche. Die Whisky-Taktik ist ein voller Erfolg, und am nächsten Morgen erscheinen die Gespenstergeschichten schon wieder reichlich unglaubwürdig.

Nur um ganz sicher zu gehen, kauft man in der Brennerei von Aberlour dann doch noch ein, zwei Flaschen von dem erfolgreichen Anti-Geistermittel. Schließlich schöpften hier am "Mund des wispernden Baches", was der Name Aberlour auf Gälisch bedeutet, schon die alten Druiden heilendes Wasser. Aus dem Wasser des geschwätzigen Bächleins wird seit 1826 Whisky gebrannt. Dennis Hendry weiß bei einer Verkostungstour zu erzählen, dass der alkoholstarke Vorlauf noch vor wenigen Jahren zu Schichtbeginn zur Hebung der Moral der Arbeiter in Wassergläsern ausgeschenkt wurde. Die Verkostungsgläser für die Gäste sind dann auch nicht ohne, und schon nach kurzer Zeit glaubt man, den in Sherryfässern von den in Bourbonfässern gelagerten Whisky unterscheiden zu können. Seltsam nur, dass beim Verlassen der Destillerie das Bächlein so lallt. (Der Standard/rondo/28/4/2006)

Service>>>

Anreise: Mit der British Airways via
London Heathrow nach Edinburgh

Unterkunft: In Edinburgh z.B. The Roxburghe
In Pitlochry: The Atholl Palace Hotel


Veranstalter: Diverse Mietwagenrundreisen und deutschsprachig geführte
Touren durch Schottland bietet z.B. Dodotours


Gespenstertouren in Edinburgh
Aberlour-Destillerie

Allgemeine Infos: Visit Scotland oder VisitBritain c/o British Council, Siebensterngasse 21, 1070 Wien, Tel.: 0800 150 170 (Anruf gebührenfrei), Fax: 01 / 533 26 16 85, 

Tanja Paar suchte in Edinburgh und Umgebung und fand den ihren schließlich in der Flasche
  • Artikelbild
    foto: www.visitscotland.com
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