Der Charme des Zettelkastens

5. Mai 2006, 13:17
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Die Wiener Stadt- und Landesbibliothek, nunmehr "Wienbibliothek im Rathaus", feiert 150. Geburtstag

Eine der größten Bibliotheken des Landes, die Wiener Stadt- und Landesbibliothek, hat einen neuen Namen, "Wienbibliothek im Rathaus", und feiert ihren 150. Geburtstag.


Wien - Wer mag im Jahr 1920 in der Singerstraße 10 gewohnt haben? Wer in der Ortliebgasse 25? Fragen, die sich schon mancher Wien-Bewohner nach der stummen Geschichte seiner Wohnung gestellt hat. Fragen, auf die es eine Antwort gibt.

Über hundert Jahre lang, von 1859 bis 1987 (mit bezeichnender Ausnahme der Jahre 1943 bis 1947) listet Lehmanns Allgemeiner Wohnungs-Anzeiger akribisch, Hausnummer für Hausnummer, auf, wer wo wohnte in Wien. Inklusive der Berufe. So deuten zart geringelte Fuchsschwanz-Symbole auf Kürschner hin, Scheren auf Schneider und - ein Novum zu Beginn des Jahrhunderts - Tennis-Rackets auf Kaufleute, die sich spezialisiert haben auf den Bedarf des weißen Sports.

Adolph Lehmanns Adressbücher sind nur eine der ungezählten Raritäten der Wiener Stadt- und Landesbibliothek, die sich seit Kurzem Wienbibliothek im Rathaus nennt. Als "Gedächtnis der Stadt" bezeichnet man sich dort selbst zu Recht. Was Stadtforschern und anderen Historikern längst kein Geheimnis ist, blieb indes vielen Wienern bislang verborgen. Versteckt in den hohen Räumen des Rathauses, unscheinbar ausgeschildert am Eingang der Stiege 4, verbirgt sich eine der wichtigsten wissenschaftlichen Bibliotheken Österreichs. Sie der Öffentlichkeit näher zu bringen ist eines der Ziele ihrer Direktorin, der Kulturwissenschafterin Sylvia Mattl-Wurm.

Der Entdeckerfreude sind denn auch, wie stets bei derartigen Sammlungen, keine Grenzen gesetzt - außer der begrenzten eigenen Lebensspanne, die kaum ausreichen dürfte, hinter alle Geheimnisse des wohlgefüllten Bibliotheksbauchs zu dringen. So beherbergt etwa die Plakatsammlung, mit 300.000 Exponaten eine der größten in Europa, nahezu alle Plakate, die seit 1923 in Wien affichiert wurden - Kunstdrucke ebenso wie Wahl- oder Werbesujets.

Früh bereits hatte ein findiger Stadtrat die hohe soziologische Bedeutung einer solchen Sammlung erkannt. Rund ein Drittel der Bestände findet sich bereits exakt beschlagwortet und detailliert textlich beschrieben im Internet - die Bildmotive sollen in Kürze folgen.


Nestroy und Schubert

Die Dokumentationsstelle erfasst in ihren Zettelkästen nahezu alle Ereignisse in Wien während des zwanzigsten Jahrhunderts, die Wiener Zeitungen für berichtenswert erachteten: Mit liebevoller Genauigkeit handbeschrieben, verzeichnen die blassblauen Dateikarten unter Personen-und Ereignisschlagworten die zugehörigen Zeitungsartikel.

Die Handschriftenbestände der Wienbibliothek, die am kommenden Samstag, dem 29. April, ihren 150. Geburtstag feiert, zählen ohnehin zu den wichtigsten des Landes. Die Nachlässe von Franz Grillparzer und Johann Nepomuk Nestroy, die Originalmanuskripte von Karl Kraus oder Helmut Qualtinger ruhen in den Rathauskellern. Ebenso wie Partituren von Franz Schubert und Johann Strauß.

Im so genannten "Giftschrank" verschlossen lagerte jahrzehntelang die Sammlung des Bezirkshauptmanns von Wiener Neustadt, Felix Batsy: Der hortete seltene Erotika, zu denen 1926 auch ein früher Druck des Ulysses von James Joyce zählte - ebenso wie die Kataloge diverser Spezial-Versandbuchhandlungen. Als "Inge" pflegte er, lange vor dem Internet-Chat, Briefwechsel mit Gleichgesinnten: "Ich suche Gedankenaustausch, ganz offen, ohne Rückhalt und Scham, jedoch in anständiger Sprache, ohne Ordinärheiten, ohne unnötige Derbheit über das Thema ,Herr und Lustsklavin'", zitiert ihn Andreas Brunner in einem Artikel für den Sammelband zum Bibliotheksgeburtstag. Auch die Sammlung Batsy harrt der Entdeckung. (DER STANDARD, Print-Ausgabe, 27.4.2006)

Von
Cornelia Niedermeier

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wienbibliothek.at

  • Die Spur des Buchdruckerkäfers. Auch das ein geheimer Schatz der Wienbibliothek im Rathaus: der Garten von Lois und Franziska Weinberger auf dem Dach des Speichers.
    foto: wienbibliothek

    Die Spur des Buchdruckerkäfers. Auch das ein geheimer Schatz der Wienbibliothek im Rathaus: der Garten von Lois und Franziska Weinberger auf dem Dach des Speichers.

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