Für acht Bébés die Goldmedaille

20. Juni 2006, 19:46
posten

Gemäß dem nationalen Statistikamt hat eine Französin im Durchschnitt 1,94 Kinder. Nur das traditionell gebärfreudige Irland kommt auf eine leicht höhere Quote

Paris - 807.000 Säuglinge erblickten vergangenes Jahr in Frankreich das Licht der Welt. Gemäß dem nationalen Statistikamt Insee hat eine Französin im Durchschnitt 1,94 Kinder. Nur das traditionell gebärfreudige Irland kommt auf eine leicht höhere Quote; der EU-Schnitt beträgt 1,5. Mit Frankreich vergleichbare Länder wie Deutschland und Italien liegen noch darunter. In Frankreich selbst wurde die Quote von 1,94 bisher erst einmal - im Jahr 2000 - übertroffen. Die Bevölkerung der Grande Nation steigt damit auf fast 63 Millionen an.

Mütter mit mehr Kindern

Insee-Direktor Jean-Michel Charpin präzisierte jüngst, dass zwar die Zahl der Säuglinge 2005 gestiegen sei - nicht aber die Zahl der Französinnen im Gebäralter. Die wachsende Zahl der Geburten rühre also daher, dass die Mütter im Durchschnitt mehr Kinder als früher auf die Welt brächten. Mit der häufig angeführten Kinderfreudigkeit französischer Einwandererfamilien hat das wenig zu tun. Ihre Quote liegt zwar mit 2,4 Kindern pro Frau höher als der französische Schnitt. Doch dies fällt quantitativ kaum ins Gewicht, zumal sich die zweite Einwanderergeneration nach Insee-Angaben bereits vollständig an die nationale Gebärhäufigkeit "angepasst" habe.

Hauptursache des Babybooms ist gemäß Charpin die französische Familienpolitik. Mit jedem zusätzlichen Kind steigt die finanzielle Hilfe in Frankreich stark an. Im vergangenen Jahr erhöhte Premierminister Dominique de Villepin die Beiträge erneut, obwohl die Staatskasse eigentlich leer ist. Seither erhält eine Mutter während ihrer (dreijährigen) Babypause jeden Monat 512 Euro für ihre drei Kinder; wenn sie sich mit einer nur einjährigen Arbeitspause zufrieden gibt, erhält sie in dieser Zeit gar 750 Euro pro Monat.

Dazu kommen sehr generöse Steuerfreibeträge sowie weitere Anreize für Eltern, ein drittes Kind zu haben: Rabattkarten für die Staatseisenbahn und ähnliche Betriebe, neuerdings sogar für Hotels, Restaurants und gewisse Läden. Schließlich wird die nach dem Ersten Weltkrieg eingeführte "Medaille für kinderreiche Familien" weiterhin vergeben: Für vier Kinder gibt es Bronze, für sechs Silber und ab acht Gold - und eine Einladung ins Elysée zum Präsidenten der Republik.

Leichter mit Beruf vereinbar

Aber die staatlichen Geldanreize sind nicht alles, wie Insee-Chef Charpin selber sagt. In Frankreich sei es eben auch leichter für eine Frau, Berufs- und Privatleben zu vereinen. Kaum jemand stört sich heute daran, dass eine unverheiratete und berufstätige Französin Kinder bekommt und sie schon bald nach der Geburt in die Kinderkrippe gibt - sofern sie einen Platz findet. Die aktive Pariserin, die nach Büroschluss beim Kindergarten vorfährt und, meist noch das Handy am Ohr, den Sprössling abholt, gehört längst zum Stadtbild.

Die lockere Einstellung der Franzosen zum Kinderkriegen hat auch eine andere Seite. 48,5 Prozent der Geburten erfolgen in Frankreich laut Insee "außerehelich". Auch das ist ein europäischer Rekordwert: Faktisch hat fast die Hälfte der französischen Bébés keine verheirateten Eltern. Prominentestes Beispiel: Die als aussichtsreiche Präsidentschaftskandidatin geltende Exministerin Ségolène Royal hat vier Kinder mit Sozialistenchef Fran¸cois Hollande, mit dem sie nicht verheiratet ist. (Stefan Brändle, Paris, DER STANDARD, Print-Ausgabe, 26.4.2006)

  • Bild nicht mehr verfügbar

    Vier Kinder, kein Trauschein: Ségolène Royal, Präsidentschaftsanwärterin.

Share if you care.