Über dem Nebel nach Süden

20. Juni 2006, 19:46
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Europas höchste Autobahnbrücke, der Viadukt von Millau, hat ein letztes Nadelöhr auf der Fahrt in den europäischen Süden zum Verschwinden gebracht

Die Brücke überspannt ein ganzes Tal und ragt an ihrem höchsten Punkt 343 Meter in den Himmel - höher als der altehrwürdige Eiffelturm in Paris. Dabei ist der Viadukt länger als höher: Die leicht geschwungene Fahrbahn über dem Taleinschnitt von Millau ist über 2,5 Kilometer lang.

Errichtet wurde der Viadukt, um die regelmäßigen Verkehrsstaus auf der Autobahn A75 zwischen Clermont-Ferrand und Béziers zum Verschwinden zu bringen. Bei Millau bildeten sich nämlich vor Wochenenden und im Sommer bis zu 30 Kilometer lange Autokolonnen.

Zwischen dem Zentralmassiv und dem Mittelmeer ist damit 2005 ein letztes Verkehrs-Nadelöhr verschwunden. Seither entlastet die A75 auch die überlastete Hauptverkehrsachse durch das Rhônetal. Eine Fahrt über den Viadukt in der luftigen Höhe von 270 Metern kostet für Personenwagen 6,50 Euro im Sommer, in der übrigen Zeit 4,90 Euro. Dies sei immer noch billiger als die Rhône-Autobahn, heißt es mit Verweis auf ein 300 Kilometer langes mautfreies Autobahnstück im Norden der Brücke.

Viele Grüne kritisieren das "größenwahnsinnige Pharaonenwerk", weil es die Landschaft verschandle und die Verkehrsstaus nur verlagern werde. Der weltbekannte Globalisierungsgegner José Bové, der ganz in der Nähe Schafe für den lokalen Roquefort-Käse züchtet, kann sich aber heute mit dem Großbau abfinden.

Bau mithilfe von Satelliten

Der englische Stararchitekt Norman Foster musste sein Projekt mehrmals revidieren, damit die Brücke auch Winden von mehr als 250 Stundenkilometern standhält. Die Ingenieure bauten das Bauwerk mithilfe von Satelliten und ließen selbst bei der höchsten Säule von 343 Metern nur eine Abweichung von fünf Millimetern zu. Die bis zu 4,2 Meter dicken Fahrbahnplatten und ihre sieben Stützpfeiler bestehen aus 200.000 Tonnen Beton und 36.000 Tonnen Stahl - ein Mehrfaches des Eiffelturms.

Die Kosten von 320 Millionen Euro schoss die private Bauherrin Eiffage vor. In einem originellen und typisch französischen Ansatz erhielt sie als Ausgleich für die Eigenfinanzierung eine Konzession von 70 Jahren. Dank der Mautgebühr von 25.000 Fahrzeugen pro Tag rechnen Experten, dass die Kosten schon in 14 Jahren amortisiert sein dürften. (brä, DER STANDARD, Print-Ausgabe, 26.4.2006)

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    Zweieinhalb Kilometer lang und am höchsten Punkt 434 Meter über der Erde: Das technische Wunderwerk von Millau in Südfrankreich.

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