Architektin des größten Atomkonzerns der Welt

20. Juni 2006, 19:46
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Die Lehrerstochter aus der Senfmetropole Dijon, Anne Lauvergeon, "erfand" und leitet Areva

Anne Lauvergeon empfängt in schickem Tailleur, funkelnden Brillanten und dem so natürlich wirkenden, aber hart erarbeiteten Charme einer französischen Führungsfrau. Den Börsenvertretern präsentiert sie jeweils persönlich die Halbjahresresultate von Areva, dem größten Hersteller von Kernkraftwerken und -brennstoff.

Areva ist Lauvergeons Werk. Die Lehrerstochter aus der Senfmetropole Dijon ist nicht nur Chefin, sondern war auch die "Erfinderin" des mächtigsten Atomkonzerns der Welt. Begonnen hatte die links stehende Absolventin diverser Elite-Ingenieurschulen im Elysée-Palast, wo sie den damaligen Staatspräsidenten François Mitterrand in internationalen Wirtschaftsfragen beriet. Nach dessen Abgang 1995 arbeitete sie sich in der Privatwirtschaft nach oben und hievte sich sodann an die Spitze der Cogema, der Betreiberin der berühmt-berüchtigten Wiederaufbereitungsanlage La Hague.

Ende 2001 erhielt Lauvergeon von der damaligen Linksregierung grünes Licht, die Cogema mit der AKW-Herstellerin Framatome zusammenzulegen. So entstand Areva - ein Name, den Lauvergeon selbst in Anlehnung an ein spanisches Zisterzienserkloster wählte. Bei dem Big Bang der französischen Atomindustrie blieben notgedrungen einige graue Atom-Eminenzen auf der Strecke. Sie versuchten, Lauvergeon mit Schmutzkampagnen wegzumobben. Doch die "eiserne Dame", die nach einer Direktionssitzung direkt zur Entbindung von ihrer ersten Tochter ins Spital fuhr, ist immer noch im Amt.

Energiepolitische Trendwende

Ihr Erfolg - und der von Areva - wäre indes unmöglich ohne die energiepolitische Trendwende. Immer mehr Nationen bekunden neu oder wieder Interesse an der Atomenergie: Russland, China, Brasilien, Südafrika, Indien, Indonesien oder Thailand. Frankreich will seine 58 auslaufenden Atomkraftwerke durch den neuen EPR-Druckwasserreaktor der dritten AKW-Generation ersetzen, den Finnland bereits bestellt hat - natürlich bei Areva (und Siemens).

Greenpeace mobilisiert meistens an mehreren Fronten gleichzeitig gegen Areva. So gegen die Aufbereitung von 140 Kilo militärischem Plutonium-Pulver, das aus den USA nach Frankreich übergeführt wurde. Greenpeace hält das für sehr gefährlich: Der Aufbereitungsort in Cadarache (Provence) liege auf einer Erdbebenspalte, und ein "einfacher Raketenschuss" von Terroristen könne eine planetare Umweltkatastrophe bewirken.

Areva dementiert. Wie üblich. Lauvergeon klagt Umweltschützer systematisch vor Gericht, um sie sich vom Leib zu halten. (brä, DER STANDARD, Print-Ausgabe, 26.4.2006)

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    Charmant und kompromisslos: Anne Lauvergeon.

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