Kleines Fiakergulasch

4. Mai 2006, 09:44
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Gerade als Wiener kann man von den Tourismuskutschern noch eine ganze Menge lernen

Es war vergangene Woche. Aber es könnte auch vor einem Jahr, heute oder morgen passiert sein oder passieren. Schließlich fahren Wiens Fiaker seit Ewigkeiten in der City im Kreis – und werden das so lange tun, wie Menschen nach Wien kommen und glauben, dass imperiales Flair nur aus der Kutschenperspektive erlebbar ist.

Letztens bin ich also mit dem Rad hinter einer Touri-Droschke hergezappelt: Knappes an den Hottehüs-Vorbeifahren schätzen Kutscher wie Pferde aus nachvollziehbaren Gründen nicht – und so wirklich viel Platz ist auf dem Kopfsteinpflaster der Freyung auch nicht. Also zuckelte ich dahin – und hörte zu.

Zeitgeschichte

Der Kutscher referierte nämlich nicht nur antike Jahreszahlen, sondern erzählte auch aktuell-zeitgeschichtliches. Schließlich stand da D., der große Zeitungszar am Straßenrand. Umringt von einer Gruppe sehr hübscher, sehr blonder und sehr kurz berockter junger Damen. Man herzte und verabschiedet sich und einander ziemlich innig.

Der Kutscher lüpfte im Vorbeifahren den Hut vor der Krone und erklärte, seinen Fahrgästen einer deutschen Kleinfamilie dass der alte Herr nicht nur die beste Zeitung im Lande mache, sondern darüber hinaus ein Auge für Schönheit habe: Ein Kunstsammler erster Güte, erzählte der Kutscher. Und wie sähen, wisse er auch in seinem hohen Alter noch, wie und wo man Schönheit am besten genösse – und dass man die Musen nach dem Kuss belohnen müsse. Wenn die Gäste verstünden, was er meine.“

Am Bock

Ich hätte längst bequem vorbei fahren können, dachte aber nicht mehr daran. Schließlich schienen Gegend und Ambiente den Mann am Bock zu inspirieren. Das ganze Viertel – der Kutscher zeigte in weitausholender Geste auf die Palaisbauten, schloss aber zumindest das Schottenstift und irgendwie auch den ganzen übrigen Rest der City in diese Bewegung mit ein, gehöre im übrigen einem anderen alten Mann. Einem Genie das auch zu leben verstünde

Der ziemlich kleine Greis habe als noch kleinerer Barpianist begonnen, dann die größte Supermarktkette des Landes aufgebaut, in Immobilien, Paläste und Schlösser investiert – und genösse nun seinen Lebensabend in vollen Zügen, erzählte der Fiaker. Trotz seines hohen Alters, hörte ich, zelebriere er die Gegenwart junger Damen in einem Ausmaß, das Hugh Hefner neidig werden würde. Und am Ende des Abends, meist in der Früh, bekäme jede Gespielin ein Geschenk. Ein Auto meist. Manchmal sogar eine Wohnung. Das, so der Kutscher, sei eben Wiener Großzügigkeit und Lebensart.

Mozarts Café

Im übrigen, setzte er fort, als er dann von der Strauchgasse in die Herrengasse einbog, gehöre auch das jetzt rechts zu bewundernde Café Central zum Imperium des alten Pianisten. Und das füge sich harmonisch ins Bild: Hier, in diesem Kaffeehaus habe schließlich auch Mozart oft und gerne gesessen. Und sogar die Zauberflöte geschrieben. Weil hier immer die hübschesten Mädchen und Fräuleins der Stadt ein und aus gegangen seien. Aber statt Wohnungen und Wägen habe Mozart Gunst mit Kunst vergolten. Er sei, sagte der halb nach hinten gewandte Kutscher, eben ein begnadeter Pianist gewesen. Fingerfertig. Seine erwachsenen Fahrgäste, er fuhr sich schelmisch über die Hutkrempe, würden schon wissen, was er da jetzt meine.

Ich hatte genug und überholte. Die Pooh-Bags hingen, wo sie hingehören. Ein grandioses Missverständnis: Der größte Mist kommt bei Fiakern nämlich nicht aus den Pferden. Aber das hatte ich bisher wirklich nicht gewusst.

  • Stadtgeschichten von Thomas Rottenberg

    Stadtgeschichten von Thomas Rottenberg

  • Auch als Buch: Die besten Stadtgeschichten aus dem Stadtgeschichten – Archiv – zum Wiederlesen & Weiterschenken. "Wiener Stadtgeschichten" mit Illustrationen von Andrea Satrapa-Binder, Echomedia Verlag Ges.m.b.H., ISBN 3-901761-29-2, 14,90 Euro.

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